In den Tiefen der Erde

Gestern hatte ich mit Nadine telefoniert. Sie ist offenbar gar nicht glücklich darüber, dass sie nun so tief in unsere Familie integriert wird. Ich kenne das, denn es ging mir am Anfang auch so. Ich erzählte ihr daher, wie es mir in meiner Anfangszeit als Nachtwandler ging und versuchte ihr aufzuzeigen, welche Vorteile es hat Teil dieser Familie zu sein. Neben der finanziellen Unabhängigkeit, die man ganz automatisch erhält – auch sie hat mittlerweile eine Konto, auf dem sich genug Geld für ein unbeschwertes Leben befindet – ist auch die Mischung so vieler spezialisierter Charaktere ein großes Plus. Man hat dadurch Zugriff auf Wissen aus ziemlich allen Bereich. Ich denke auch, dass Nadine uns mit ihren Geschichtskenntnissen sehr bereichern wird. Und ein wenig bewundere ich sie auch für dieses enorme Wissen.

In der Nacht begab ich mich zusammen mit Markus wieder zu dem Eingang des unterirdischen Tunnels. Schon als wir in den Tunnel krochen weigerte er sich weiter zu gehen. Er beschwor mich regelrecht umzukehren: „Hier unten wohnt eine uralte Macht. Lass uns bitte nicht weiter gehen. Was hier unten wohnt ist abgrundtief böse!“ Ich antwortete ihm jedoch nur: „Ich denke, dass wir uns als Nachtwandler keine Sorgen um das machen sollten, was gemeinhin als böse bezeichnet wird. Los, komm weiter! Diesen seltsamen Gang musst du einfach gesehen haben.“ Doch irgendwie machte ich mir schon etwas Sorgen. Wenn unser Erzmagier so etwas sagt, sollte man eigentlich auf ihn hören. Doch mich trieb die Neugier weiter. Was war am Ende des senkrechten Schachtes und wer war da unten, der diesen seltsamen Singsang von sich gab?

Als wir an der Treppe ankamen und Markus die Zeichnungen der seltsamen Tintenfische sahen, wurde er bleich und setzte sich erstmal hin. „Wir sollten hier wirklich nicht weiter gehen. Dies ist der Eingang in eine Welt, die selbst wir Kainskinder nicht betreten sollten. Was hier wohnt ist älter als die Menschheit selbst.“ Nunja… das bestätigte natürlich mein Gefühl. Dennoch drängte ich ihn weiterzugehen. Wenn das irgendwas mit dem Kristallschädel zu tun hatte, musste ich einfach wissen, was es damit auf sich hat. „Glaubst du, dass es etwas mit dem Kristallschädel zu tun hat?“, fragte ich nach. „Nein, ganz sicher nicht. Das da unten ist älter als der Gott, den die Menschheit erschuf.“, war seine Antwort. Das machte mich nun doch etwas nachdenklich und ich setzte mich zu ihm auf die Treppe.

Er begann zu erzählen. Und erzählte mir von einer Legende, die er in unserer Bibliothek gelesen hatte. In dieser wurde von Wesen berichtet, die lange vor der Menschheit und selbst vor den Dinosauriern auf der Erde lebten. Damals war die Erde noch ein unruhiger, zu großen Teilen aus Lava bestehender, Feuerball, der durch ständige Erdbeben erschüttert wurde. Die Meere bzw. das Meer gab es damals noch nicht und selbst der Urkontinent, Pangea, war noch nicht existent. Auf den wenigen bereits abgekühlten Teilen der Erde liess sich eine außerirdische Rasse nieder, die sich selbst die Großen Alten nannte. Sie waren, wie wir auch, im Prinzip unsterblich. Doch waren sie weitaus mächtiger als wir. Mit ihren Träumen formten sie die Realität, mit ihrer Technik erschufen sie neue Lebensformen und selbst zu Terraforming waren sie in der Lage. Sie legten den Ursprung der Erde in ihrer heutigen Form. Sie erschufen die Meere, indem sie mittels Terraforming Wasser entstehen liessen und damit die Erde abkühlten. Auch erschufen sie die Tiere und Pflanzen, die ihnen als Nahrung dienten. Der Legende nach erschufen sie sogar die ersten Menschen und hielten sie sich als Diener. Doch machten sie beim Menschen den Fehler, dass sie ihm einen freien Willen gaben, der dazu führte, dass die Menschen gegen sie aufbegehrten. Das führte zu einem Krieg zwischen den Urmenschen und den Großen Alten, in dessen Verlauf sie in unterirdische Höhlen vertrieben wurden. Und eine dieser Höhlen betraten wir nach Ansicht von Markus gerade. Auch berichtet diese Legende, dass wir Kainskinder gar nicht von Kain erschaffen wurden sondern als Waffe der Großen Alten gegen die Menschheit. Markus wusste allerdings nicht, ob das bedeutet, dass wir dem Willen dieser Wesen unterstehen würden.

Meine Neugier war natürlich dadurch erst recht geweckt. War ich unbeabsichtigt etwa auf der Spur des wahren Ursprungs von uns Nachtwandlern? Das wäre in unserer Gesellschaft eine absolute Sensation! Ich drängte ihn daher dem Weg weiter zu folgen. Was waren diese Großen Alten für Wesen? Waren sie es, die den Ursprung des Singsangs bildeten? Wir folgten daher der Treppe und erreichten wieder den Punkt, an dem ich nicht mehr unterscheiden konnte ob ich nun eine Treppe hinauf oder hinab stieg. Auch Markus machte mich darauf aufmerksam und erwähnte dabei eine „verbotene Geometrie“, die auch in der Legende erwähnt wurde. Angeblich waren alle Behausungen der Großen Alten in dieser Geometrie erschaffen. Dennoch zeigte er sich sehr fasziniert von den Zeichnungen, die die Wände rund um die Treppe zierten. Einige davon malte er sogar ab, wodurch wir immer wieder Pausen einlegen musste. Diese Pausen machten mir mehr zu schaffen als das hinauf- beziehungsweise hinabsteigen der Treppe selbst. Immer wenn wir stehen blieben, hatte ich das Gefühl jeglichen Richtungssinn zu verlieren. Teilweise konnte ich nicht mal mehr unterscheiden wo unten und oben war und hatte das Gefühl ich würde auf dem Kopf stehen. Umso mehr wurde mir klar, warum Markus dies als verbotene Geometrie bezeichnete. Die Gesetze der Mathematik und Physik würden dies gar nicht zulassen.

Wir folgen also der Treppe bis zur Höhle, wobei wir immer wieder Pause einlegten damit Markus seine Notizen vervollständigen konnte. Er bestätigte mir, dass auch er immer mehr die Orientierung verlor und die letzten Meter vor der Höhle starrte er zwar immer wieder einige der Wandzeichnungen an, bekam es aber nicht mehr auf die Reihe sie in sein Notizbuch zu übertragen. Er versuchte es zwar noch einige Male zitternd, gab aber dann doch auf.

In der Höhle machten wir etwa eine Viertel Stunde Pause. Zumindest kam es mir so vor. Danach ging es uns leidlich besser. Dann erst gingen wir weiter in den hinteren Teil. Markus weigerte sich jedoch mit mir in den Schacht zu steigen. Und bei genauerer Betrachtung stellte ich fest, dass dies auch gar nicht möglich war. Einer musste oben am Schacht bleiben und das Seil halten, denn ich konnte absolut nichts finden, wo ich das Seil hätte festmachen können.

Als ich mich an den Abstieg machte, hatte ich das Gefühl, dass der Singsang bereits lauter wurde, bevor ich überhaupt in den Schacht kletterte. Markus war sein Unwohlsein anzusehen. Da er bereits etwas älter ist als ich, hätte ich nicht gedacht, dass er so ängstlich sein würde. Aber vermutlich bin ich durch meinen Job einfach nur etwas abgebrühter als er. Ich hatte in meinem Leben bereits viel gesehen, von Geistern über die verschiedenen Formen von Gestaltwandlern bis hin zu diesen Schattenwandlern.

Ich hatte 50 Meter Seil dabei und musste leider feststellen, dass der Schacht tiefer war. Dummerweise bin ich noch immer nicht darin trainiert meine Klauen bewusst auszufahren. In dem Moment wünschte ich mir Kilian wäre mit in den Irak gekommen. Aber er ist einfach zu wichtig für die Geschäfte unserer Familie und wird momentan auch für Nadines Ausbildung in Berlin benötigt.

Aber in Hluboka hatte es ja mit dem Fallen auch geklappt und so liess ich es einfach darauf ankommen und liess mich fallen. Wie ich nachher wieder hoch kam, wollte ich mir später überlegen, wenn es soweit war. Und meine Hoffnung wurde auch nicht enttäuscht. Allerdings bot dieses Gestein kaum Halt und es dauerte etwa 2 Sekunden bis ich halt fand. Ich war also nochmal circa 10 bis 20 Meter gefallen. Aber noch immer konnte ich unter mir keinen Boden sehen. Vorsichtig kletterte ich weiter nach unten. Auf diese Weise legte ich noch mindestens 30 Meter zurück. Meiner Schätzung nach musste ich also mittlerweile etwa 100 Meter unter der Höhle sein. Und wie tief die lag, wusste ich immer noch nicht.

Unten angekommen befand ich mich in einem weiteren Gang. Ich kann absolut nicht sagen, aus was für einem Material er war. Es fühlte sich an wie Kunststoff, war schwarz und in seltsamen Wellen geformt. Insgesamt war der Gang am ehesten als Oval zu bezeichnen, doch die Wellen in den Wänden liessen die Konturen ziemlich verschwimmen. Da auch der Boden aus diesen unregelmässigen Wellen geformt war, konnte ich mich nur mühsam fortbewegen. Ich musste quasi von Wellenkamm zu Wellenkamm balancieren. Das glatte Material sorgte dafür, dass ich immer wieder abrutschte.

Ausserdem war es da unten ziemlich feucht und warm und der Singsang erreichte langsam eine ohrenbetäubende Lautstärke. Auch der sumpfige Geruch da unten war ziemlich unangenehm. Vor allem die Feuchtigkeit verwirrte mich. Über der Erde war alles staubtrocken und hier unten hatte man das Gefühl durch einen Dschungel zu laufen. War ich in der Nähe des Grundwasserspiegels oder woher kam das Wasser?

Als ich bereits umkehren wollte, weil der Gang kein Ende zu nehmen schien und der Singsang immer lauter mein Gehör malträtierte, sah ich wieder diesen grünen Schimmer, den ich bereits aus der Höhle kannte. Also ging ich trotz des ohrenbetäubenden Lärms vorsichtig weiter. Oder besser gesagt ich kroch weiter. Schliesslich wollte ich nicht riskieren gesehen zu werden.

Was sich mir allerdings für ein Anblick bot, war sogar für mich etwas neues. Vor mir tat sich eine Höhle auf, die aus dem gleichen Material bestand wie der Gang, durch den ich gerade kam. Auch dort waren an den Wänden diese seltsamen grün leuchten Moospflanzen. Allerdings bewegten sie sich in dieser Höhle tatsächlich. Sie bildeten diese seltsamen Tintenfischwesen, die ich bereits an den Wänden bei der Treppe und der ersten Höhle gesehen hatte. Allerdings bewegten sie hier ihre Tentakel. Mir war völlig unklar, wie sich das Moos bewegen konnte.

Doch mein Blick wanderte weiter zur Mitte der Höhle, wo die Quelle des Singsangs zu sehen war. Um eine sich ständig bewegende Masse, die sich in einer leicht abschüssigen Kuhle befand, saßen seltsam gedrungene, fast kugelförmige, Wesen, über deren Haut ein schwarzer Schleim floss, der unablässig von ihnen herab tropfte. Diese Masse in der Mitte schien den Schleim zu absorbieren. Diese Sumpfwandler, wie ich sie intuitiv bezeichnete, hatten winzig kleine Gliedmaßen. An dem, was ich für ihre Köpfe hielt, Augen konnte ich keine ausmachen, waren trompetenförmige Fortsätze, aus denen dieser Singsang zu kommen schien. Bei genauerer Betrachtung hatte ich sogar das Gefühl, dass das formlose Wesen in der Mitte sich im Takt des Gesangs zu wiegen schien.

Umwabert wurde dieses ganze Szenario von einem seltsamen Gefühl von Alter. Ich kann es einfach nicht beschreiben. Ich hatte das Gefühl etwas zu betrachten, das uralt war, älter als die Menschheit, vielleicht sogar älter als die Welt selbst.

Mir reichte, was ich dort gesehen hatte und ich kroch vorsichtig zurück. Bevor ich nicht wusste, was das für Viecher waren, wollte ich kein Risiko eingehen. Sie sahen zwar harmlos aus, aber diese Masse in der Mitte der Höhle schien irgendwie auch lebendig und sie war groß, sehr groß. Ich schätzte sie auf einen Umfang von 8 Metern und etwa die gleiche Höhe. Wenn man von diesem Ding niedergewalzt wurde, hatte man sicherlich keine Überlebenschance.

Als ich wieder an dem senkrechten Schacht ankam, versuchte ich mich dort irgendwie festzuhalten. Natürlich funktionierte das nicht. Was hatte ich auch erwartet. Dennoch versuchte ich es nochmal. Schliesslich sprang ich so weit es mir möglich war nach oben, wobei ich die Kraft meines Blutes einsetzte. So erreichte ich etwa 5 Meter Höhe. Als ich mich versuchte festzuhalten, spürte ich den vertrauten Schmerz in meinen Händen und fand endlich Halt. Langsam kletterte ich nach oben und die ganze Zeit folgte mir dabei der Gesang dieser Sumpfwandler. Selbst als ich beim Ende des Seils angekommen war, kletterte ich mit Hilfe meiner Klauen weiter. Entsprechend überrascht war Markus, als mein Kopf plötzlich über dem Rand auftauchte.

Als ich ihm in Kurzform erzählte, was ich da unten gesehen hatte, schien seine Angst noch größer zu werden. Er zog mich regelrecht zur Treppe und wir rannten gemeinsam so schnell wir konnten nach oben.

Bereits als wir den Gang erreichten, hörten wir von draußen Schüsse. Fast zeitgleich aktivierten wir die Kraft unseres Blutes und rasten mit der so erhöhten Geschwindigkeit durch den Gang. Wir sprangen förmlich durch das Loch, das den Ausgang bildete und ich rollte gleich weiter in Deckung. Glücklicherweise war auch Markus geistesgegenwärtig genug sofort in Deckung zu gehen. Ich deutete ihm in Deckung zu bleiben und schlich davon in Richtung unseres Lagers, von wo auch die Schüsse kamen. Ich hörte noch, wie Markus hinter mir irgendetwas zu murmeln begann, konnte mich aber nicht mehr darum kümmern.

Als ich unser Lager sehen konnte, sah ich auch Mündungsfeuer, das aus Richtung der Ruinen kam. Ich blieb daher in Deckung und steuerte auf das mir nächstgelegene zu. Leise schlich ich mich an den Schützen an, der offenbar unser Lager unter Beschuss nahm. Ich griff ihn mir von hinten und liess es mir erstmal schmecken. Als er leer war, griff ich mir seine Waffe und ging weiter zum nächsten. Auf diese Weise erledigte ich 5 weitere, was mir eine ziemliche Übersättigung einbrachte. Plötzlich stiegen aus der Richtung, in der sich Markus befinden musste, eine Art Leuchtraketen auf. Diese sanken allerdings nicht langsam zu Boden sondern blieben in der Luft. Und so erleuchteten sie fast das gesamte Ausgrabungsareal. Augenblicklich hörten die Schüsse auf und es waren nur noch ein paar letzte Schüsse im Lager zu hören. Ich sprang von Deckung zu Deckung und bewegte mich so auf das Lager zu. Unterwegs traf ich auf Markus, der mittlerweile die gleiche Richtung eingeschlagen hatte.

Glücklicherweise erkannte uns einer der Scharfschützen von Academi, als wir in Sichtweite waren und er rief uns zu sich. Wir spurteten, diesmal ohne Blutmagie, in’s Lager zurück und erhielten dort eine kurze Instruktion. Offenbar hatten einige Räuber versucht das Lager zu überfallen, hatten aber nicht damit gerechnet, dass wir so gut ausgestattet waren und von Söldnern unterstützt wurden. Die Leuchtraketen, für die uns die Söldner sehr dankten, hatten sie dann wohl endgültig vertrieben.

Und nun habe ich wieder jede Menge zu recherchieren, was über die schlechte Mobilfunk-Verbindung alles andere als einfach ist. Markus ist aktuell nicht ansprechbar und zeichnet schon den ganzen Tag irgendwelche mystischen Zeichen rund um das Lager, während er irgendwelche Bannformeln murmeln. Das ist extrem ungünstig, aber er wird seine Gründe dafür haben. Ich würde jedenfalls gern mit ihm sprechen, denn er scheint zu wissen, was das für Wesenheiten da unten in der Höhle waren. Ich bin gespannt, was er mir zu erzählen hat. Bevor ich nicht mehr weiss, werde ich da jedenfalls nicht wieder runter gehen. Somit bleibt mir momentan nichts anderes übrig als hier im Lager zu hocken und abzuwarten bis Markus mit seinem Teil der Arbeit fertig ist.

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Zauber des Orients

Der Irak… ein vom Krieg gebeuteltes Land. Die Menschen hier geben sich alle Mühe ein normales Leben zu führen. Doch bereits vor dem Krieg hatten sie hier wenig. Nun haben sie zu dem Wenigen noch Angst hinzu bekommen. Fährt man durch große Städte wie Bagdad, wo unser Jet gelandet ist, muss man immer wieder Kontrollposten des Militärs passieren. Auf unserer Tour nach Hilla gab es auch immer wieder Kontrollen, teils vom Militär und teils von irgendwelchen Clans.

Insgesamt finde ich das Land eher unangenehm. Auch wenn man hier mit relativ kleinen Bestechungen alles erreichen kann, nervt mich die grelle Sonne. In Berlin kann man sich immer irgendwo in den Schatten begeben. Hier ist das nicht möglich und es kostet viel Energie sich den Strahlen des Feuerballs zu widersetzen. Entsprechend hoch ist mein Bedarf an Blut. Doch das ist hier gar nicht so einfach zu bekommen. Man kann hier viele Kilometer über’s Land fahren ohne auch nur einer Seele zu begegnen.

Da ich mir in Bagdad einige Söldner engagiert hatte, kann ich auch nicht einfach jene als Nahrung verwenden, die mir begegnen, damit ich von den Soldaten nicht beim Trinken gesehen werde. Aber wenn wir jemandem außerhalb der Ortschaften begegnen, ist der meist allein unterwegs.

Die Nächte hier sind ziemlich gefährlich. Zum einen ist die Kriminalitätsrate hier ziemlich hoch. Das ist bei der Armut hier auch nicht verwunderlich. Zum anderen kommen dann diverse Extremisten aus ihren Löchern und mit einem „westlichen Aussehen“ läuft man hier Gefahr gekidnappt zu werden. Nicht, dass ich mir deswegen große Sorgen machen würde. Aber ich will hier ja auch nicht unbedingt eine Blutspur hinterlassen.

Nach meiner Ankunft in Hilla hatte ich mir daher 3 Hubschrauber von den Söldnern organisiert. Die Leute von Academi sind erstaunlich gut ausgestattet. Selbst bei solchen ausgefallenen Wünschen können sie mit der notwendigen Technik aufwarten. Und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass sie ganz froh waren, dass wir nicht vorhatten Babylon mit Fahrzeugen anzusteuern.

Anfangs wurde uns sogar eine Besichtigung der Ausgrabungsstätten verweigert. Nachdem ich aber einige Tausend Dollar in die richtigen Kanäle fliessen liess, wurde uns sogar eine Genehmigung für ein Camp direkt neben den Ruinen erteilt. Unser ortskundiger Führer Laith hatte mir die richtigen Hinweise gegeben wen ich bestechen musste. Und die Jungs von Academi haben dafür gesorgt, dass die richtigen Stellen vom US-Militär auch ihr Einverständnis gaben.

Nun sitzen wir hier in unserem Camp direkt neben den Ruinen von Babylon. Tagsüber ist Markus immer in den Ruinen unterwegs und untersucht diese mit Hilfe von Pendeln, Wünschelruten und einigen High-Tech-Instrumenten, die er selbst gebaut hat. Bisher konnte er aber noch keine Hinweise auf relevante Ley-Linien unter den Tempelgebäuden entdecken. Ein Archäologen-Team, das hier unter Militärschutz zugange ist, belächelt uns immer mitleidig, wenn wir unsere Untersuchungen machen. Wenn sie wüssten, was wir wissen, würden sie vermutlich nicht mehr so geringschätzig sein. Aber immerhin liefern sie mir eine willkommene Nahrungsquelle und ich habe ihren Zelten in der Nacht schon so einige Besuche abgestattet. Ansonsten treiben sich hier in der Gegend aber auch ab und an ein paar Nomaden herum, die mir als Nahrungsquelle dienen können.

So langweilig die Tage auch für mich sind, so spannend sind die Nächte. Bereits in unserer ersten Nacht hier habe ich einen seltsamen Singsang aus Richtung der Ruinen gehört. Ich konnte aber nirgendwo einen Lichtschimmer ausmachen und selbst die genaue Richtung konnte ich nicht lokalisieren. Die anderen aus meiner Familie haben es auch bemerkt. Seltsamerweise scheinen die Sterblichen in unserer Gruppe aber nichts davon zu bemerken. Als ich Laith einmal darauf angesprochen hatte, meinte er, dass ich wohl einen Dschinn gehört hätte. Ich solle seinen Rufen nur nicht folgen, weil mich das in meinen Untergang führen würde. Er erzählte mir auch, dass die Dschinn hier in der Gegend besonders gefährlich seien, da sie aus einer Zeit stammen, bevor Mohammed den Menschen die Worte Gottes überbrachte. Sie wüssten daher nichts über den Koran und würden entgegen den Gesetzen leben. Er beteuerte mir allerdings, dass Allah mich schützen würde, wenn ich den wahren Glauben annehmen würde. Wenn er wüsste, was ich wirklich bin, würde er in seinem Aberglauben vermutlich sofort wegrennen und den halben Irak benachrichtigen, damit man uns jagt. Ich vermute, dass es Nachtwandler hier nicht besonders leicht haben.

Ich durchstreifte seitdem in den Nächten die Ruinen auf der Suche nach der Quelle des Gesangs. Letzte Nacht stiess ich dann auf ein Loch unter einer Ruine, aus dem der Singsang zu kommen schien. Natürlich wollte ich wissen, was da unten vor sich ging und kletterte hinein. Doch kaum war ich hinein gekrabbelt, überkam mich ein seltsames Gefühl, das mich an Furcht erinnerte. Es war wie ein Druck auf meiner Brust, der sich auch noch immer weiter verstärkte je weite ich dem Gang folgte, der sich hinter dem Loch befand. Irgendeine fremde Magie lag hier in der Luft und das Alter des Ganges war förmlich greifbar. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich durch einen Gang bewegte, der schon lange vor Babylon existierte.

Nach etwa 20 Metern ging der Gang, der mit schwarzen Granitplatten verkleidet war, in eine Treppe über, die tiefer in die Erde führte. Zumindest vermute ich, dass es Granit war, aus dem die Wände gebildet wurden. Die Treppe selbst war aus Sandstein gefertigt und durch viele Füße hatten sich bereits Kuhlen in den Stufen gebildet. Doch auch hier bestanden die Wände weiterhin aus diesem schwarzem Granit. Allerdings waren sie mit dem Beginn der Treppe mit seltsamen weißen Zeichnungen verziert. An manchen waren auch Keilschrift-Texte. Was hätte ich dafür gegeben, wenn Nadine mit uns gekommen wäre. Doch zum einen hatte sie noch viel zu lernen, zum anderen hielten meine Mutter und ich es für keine gute Idee eine Frau mit ihrem Aussehen mit in den Irak zu nehmen. So blieben mir nur die Zeichnungen, aus denen ich irgendwie keine hilfreichen Schlüsse ziehen konnte. Viele von ihnen stellten geflügelte Wesen dar, wie man sie in Babylon häufiger abgebildet fand. Es waren die besagten Dschinn, von denen Laith erzählt hatte, so eine Art Naturgeister der Babylonier.

Je weiter ich die Treppe hinab stieg, umso zahlreicher wurden die Zeichnungen und umso absurder. Ich sah Abbildungen von Menschen, die um eine Art Tintenfisch herum zu tanzen schienen. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass sich die Zeichnungen am Rand meines Blickfelds bewegten. Schaute ich dann jedoch wieder direkt hin, bewegte sich dort nichts. Deswegen ordnete ich diese Wahrnehmung eher meinem wachsenden Unwohlsein hier unten zu. Ich kann auch nicht sagen wie lange ich auf dieser Treppe hinabstieg. Bereits konnten meine für die Nacht geschaffenen Augen das obere Ende der Treppe nicht mehr erkennen.

Trotz der Beklemmung in meiner Brust ging ich weiter und folgte dem Gesang. Er schien hier tatsächlich langsam lauter zu werden. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass die Treppe wieder aufwärts führte. Drehte ich mich dann jedoch um, sah ich hinter mir die aufwärts führenden Stufen. Was für eine seltsame Geometrie war das? Ich stieg eindeutig Stufen hinauf, doch sie führten mich nach unten. Irgendwann konnte ich nicht einmal mehr die Form des Ganges genau bestimmen. Tastete ich an seinen Wänden entlang, schienen sie weiterhin senkrecht zu sein. Doch schaute ich in den Gang hinein, hatte ich das Gefühl als würden sich die Wände Meter für Meter immer weiter in den Tunnel neigen.

Mein Orientierungssinn war natürlich mittlerweile völlig hinüber. Weder konnte ich sagen wie tief ich mittlerweile unter der Erde war, noch wusste ich, wie weit ich dem Gang bereits gefolgt war. Das GPS von meinem Handy konnte mich auch nicht mehr lokalisieren. Als mich bereits ein leichtes Schwindelgefühl überkam, das ich der Orientierungslosigkeit zuordnete – schliesslich wusste ich mittlerweile kaum noch wo unten und oben war – sah ich das Ende der Treppe und dort einen leichten grünlich leuchtenden Schimmer. „Die paar Meter schaffe ich nun auch noch.“, dachte ich bei mir und stieg so leise wie es mir möglich war weiter die Treppe hinab (oder hinauf, je nachdem wie man es sehen will).

Unten endete der Gang abrupt und ging in eine Höhle über, deren Wände zum Teil mit einem phosphoreszierenden Moos bewachsen waren. Bemerkenswert daran war, dass auch dieses Moos Zeichnungen zu bilden schien. Sie waren nur um vieles größer als in dem Gang. Und sie stellten fast ausschliesslich diese seltsamen Tintenfische mit menschlichen Gesichtern dar. In der Höhle war der Gesang nun besonders deutlich zu hören, auch wenn ich noch immer nicht ausmachen konnte, wer ihn verursachte. Er schien aber aus allen Richtungen zu kommen, als würde er von dem leichten Luftzug, der dort unten zu spüren war, mit sich getragen.

Ich konnte mir allerdings nicht erklären, woher dieser Luftzug kam und durchsuchte die Höhle daher nach einem zweiten Ausgang. Den fand ich dann auch fast genau gegenüber der Treppe. Allerdings entpuppte er sich als senkrechter 5-eckiger Schacht, der weiter in die Tiefe führte. Da bereits beim Hineinblicken das beklemmende Gefühl, das mich noch immer nicht loslassen wollte, drastisch stärker wurde, entschied ich mich dagegen diesen auch noch zu erkunden… zumindest nicht allein.

Auf meinem Rückweg lief ich immer schneller und schneller. Ich kann nicht einmal erklären warum. Doch manchmal hatte ich das Gefühl hinter mir Schritte zu hören, die sich seltsam platschend anhörten, so als würden Frösche auf die Treppen springen. Ich war heilfroh, als ich nach scheinbar endlosem Rennen das Ende der Treppe erreichte und kurz darauf aus dem Loch wieder an die Oberfläche kroch. Doch ich rannte noch weiter und machte erst in unserem Lager halt, wo ich mich sofort in mein Zelt begab. Dort konnte ich dann endlich wieder durchatmen.

Ich habe absolut keine Ahnung, was für eine Art von Magie dort unten wirkt. Doch wenn es auch nur irgendetwas mit dem Kristallschädel zu tun haben kann, dann muss ich herausbekommen, was da unten los ist und wodurch dieser Singsang verursacht wird. Ich werde daher heute noch Rücksprache mit Markus halten und mal sehen, was er dazu zu sagen hat. Vielleicht folgen wir mit den Ley-Linien ja einfach der falschen Spur.

Schatten in der Nacht

Nun hattet ihr ein paar Tage Ruhe von meinen Texten. Ich hatte diese Ruhe leider nicht. Zum einen muss ich mich darum kümmern, dass Nadine all das Wissen über unsere Gesellschaft erhält, das sie benötigt um in ihr zu bestehen. Es erstaunt mich, wie wenig ihr Sterblichen über uns wisst. Die „Regeln des Verbergens“ scheinen erstaunlich gut zu wirken. Ich verliere da sehr schnell den objektiven Blick, weil ich zumeist mit Nachtwandlern zu tun habe, die sich nicht an diese Regeln halten. Zum anderen muss ich natürlich in meinen Ermittlungen um den Mord an den drei Nachtwandlern vorankommen.

Wie bereits angekündigt, hatte ich Hans von Creuzburg in den letzten Tagen aufgesucht und ich muss sagen, dass sich das tatsächlich gelohnt hat. Ich erzählte ihm von den aufgeschnittenen Rücken aller Opfer in meinem Fall und konnte beobachten, wie sein bleiches Gesicht noch bleicher wurde, was ich fast schon für unmöglich gehalten hatte. Er verkörpert das, was ihr Sterblichen als klassischen Vampir bezeichnen würdet. Er ist blass als hätte er kein Blut, trägt prinzipiell schwarze Kleidung, zumeist eine Hose aus Seide und ein Rüschenhemd aus dem gleichen Material, und ist ein wenig exzentrisch. Als ich meine Beschreibung der Opfer beendet, liess er sich schwer in seinen Sessel fallen und starrte mich eine Weile entsetzt an. „Die Schattenwandler sind zurück!“ flüsterte er in beschwörendem Ton. „Lass die Toten ruhen, oder es wird ein schlimmes Ende mit dir nehmen und du wirst dich zu ihnen gesellen. Sie töten Unsereins ohne Gnade.“

Schattenwandler? Davon hatte ich ja noch nie etwas gehört. Und so hakte ich nach. Ich erfuhr von ihm, dass sie ihren Namen daher haben, dass sie gänzlich aus Schatten zu bestehen scheinen. Lediglich ihre goldenen raubtierähnlichen Augen stechen aus ihren Konturen hervor. Ihre Opfer zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit aufgeschnittenen Rücken aufgefunden werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Sterbliche, Nachtwandler, Werwölfe oder sonstige Lebewesen handelt. Mit ihren Krallen können sie selbst immaterielle Wesen töten und Nachtwandlern Verletzungen zufügen, die diese erst nach Stunden und unter Einsatz von sehr viel Energie heilen können.

Mehr konnte mir von Creuzburg allerdings auch nicht zu ihnen sagen. Ich wurde aber das Gefühl nicht los, dass er mehr wusste, mir aber lediglich nicht mehr verraten wollte. Es steht mir aber nicht zu einen so alten und ehrenhaften Nachtwandler einer Befragung zu unterziehen, wenn er nicht im Verdacht steht eine Straftat begangen zu haben. Daher liess ich es dabei bewenden. Nun hatte ich wenigstens ein Stichwort, nach dem ich suchen konnte.

Ich wendete mich wieder einmal unserer Familienbibliothek zu, in der Hoffnung dort mehr über diese Wesen erfahren zu können. Und die Suche war auch äußerst ergiebig. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Nadine fasziniert von unserer Bibliothek war. Das ist durchaus verständlich, denn selbst die größten Bibliotheken dieser Welt können es nicht mit dieser aufnehmen.

Ich fand einige sehr alte Schriften, die im frühen Mittelalter von Mönchen kopiert wurden. Aus diesen erfuhr ich, dass die Schattenwandler einstmals von Satan auf die Erde geschickt wurden um zu verhindern, dass die Menschen mit Gott kommunizieren können. Ihr Auftrag ist, Gottes Wort auf der Welt zu unterbinden, wo immer es möglich ist. Das erklärt natürlich auch, warum sie ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Kristallschädel auftauchen. Was es allerdings nicht erklärt, ist die Tatsache, dass diese Wesen so drastisch gegen Nachtwandler vorgehen, wo wir doch alle von Gott verstoßen wurden.

Ich wurde langsam das Gefühl nicht los, dass ich versuchen musste, den Kristallschädel zum Sprechen zu bringen. Daher erwarb ich in einer einsamen Gegend in den Karpaten ein Baugrundstück, mit dem Plan, dort die in den sumerischen Tafeln beschriebene Kammer nachzubauen. Die Lösung dieses Falles wird wohl ein ziemlich teures Unterfangen.

Neben meinen Planungen für diesen Bau kümmerte ich mich natürlich um die Ausbildung von Nadine. Ich zeigte ihr das „Elysium“ und stellte sie dort einigen wichtigen Persönlichkeiten unserer Gesellschaft vor. Auch unterwies ich sie in den „Regeln des Verbergens“ und lehrte sie bereits einige Grundlagen in der Anwendung der Blutmagie, so dass sie diese bei ihrer Jagd nach Nahrung einsetzen kann.

Ich musste allerdings auch feststellen, dass sie mit der sexuellen Freizügigkeit in unserer Gesellschaft wohl noch einige Probleme hat. Vermutlich hatte sie sich erhofft, dass sie meine einzige Partnerin sei. Dass dem nicht so ist, erfuhr sie, als wir einige Stunden bei Lydia verbrachten, die natürlich versuchte sie in ein gemeinsames Liebesspiel einzubinden, was ihr aber misslang. Nadine war davon sichtlich nicht begeistert, wobei ich ziemlich sicher bin, dass es vor allem daran liegt, dass sie mich für sich allein haben will. Mich amüsierten die Annäherungsversuche von Lydia jedenfalls sehr.

Doch warum ich diesen Artikel eigentlich schreibe, sind die folgenden Ereignisse. Meine erste Begegnung mit einem dieser Schattenwandler. Oder dem Schattenwandler? Sicher kann ich mir da noch nicht sein. Ich hoffe allerdings, dass nur einer von denen für den Kristallschädel verantwortlich ist.

Ich war gerade auf der Jagd und hatte eine junge Frau als Opfer auserwählt, die allein von ihrem Arbeitsplatz in einer Bar heimkehrte. Ich folgte ihr heimlich indem ich über ihr von Balkon zu Balkon sprang. Oh, wie schön arglos sie war.

Doch als ich gezwungen war zu einem Dach hochzuklettern, sah ich plötzlich ein golden leuchtendes Paar Augen über mir. Langsam, als seien sie sich ihrer Beute sicher, bewegten sie sich auf mich zu. Je näher sie kamen umso mehr konnte ich auch schattenhafte Konturen gegen den Nachthimmel ausmachen. Sie erinnerten mich stark an einen Gargoyle. Ich schwang mich natürlich sofort nach unten und fing meinen Fall an einem Fenstersims auf. Doch das Wesen sprang einfach in meine Richtung, als würde es sich auf ebenem Boden bewegen.

„Schatten lassen sich mit Licht verdrängen“, fuhr es mir durch den Kopf. Ich griff daher nach meine Taschenlampe und leuchtete in Richtung des Wesens. Dummerweise hatte ich damit keinen Erfolg. Ich erreichte lediglich, dass ich nun die Konturen sehr klar erkennen konnte. Lange Krallen gruben sich in den Putz des Hauses und fledermausartige Flügel erstreckten sich mit einer Spannweite von mehr als zwei Metern über seinem Rücken. Doch ich konnte keinerlei Gesichtszüge sehen. Das Ding schien eine einzige schattenhafte Masse zu sein, die lediglich aus Konturen bestand.

Das Wesen sprang auf mich zu und ich liess mich einfach fallen. Meinen Fall bremste ich mit der Kraft der Levitation ab. Glücklicherweise war in der ganzen Straße niemand zu sehen. Ich machte mich daher zu einem Kampf bereit und drückte die Notfalltaste an meinem Telefon. Diese sendet automatisch meine Position an die Nachtwache meiner Familie und mobilisiert eine kleine Armee. Leider dauert es erfahrungsgemäß ein paar Minuten, bis die Ersten zur Unterstützung eintreffen.

Ich zog meine Waffe und schoss… absolut ohne Erfolg. Die Kugeln schienen durch das Wesen einfach hindurchzugehen. Was hatte ich auch erwartet… dass man einen Schatten erschiessen kann? Hier konnte mir scheinbar nur die Flucht helfen. Ich mobilisierte daher die Kraft meines Blutes und bewegte mich mit maximaler Geschwindigkeit von dem Wesen weg.

Umso erstaunter war ich, als das golden leuchtende Paar Augen plötzlich vor mir auftauchte. Konnten sich diese Wesen etwa noch schneller bewegen als wir? Das dürfte eigentlich fast unmöglich sein, denn bereits die Bewegungen von uns Nachtwandlern können von Sterblichen kaum wahrgenommen werden.

Ich bremste abrupt ab und sprang zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, wie ich sofort merkte als ein klauenbewehrter Schatten dicht an meinem Kopf vorbei fuhr. Meine Gedanken rasten. Welche Optionen blieben mir? Mit silbernen Geschossen konnte ich nichts ausrichten. Ein Nahkampfangriff schien mir noch aussichtsloser, selbst wenn ich meine Klauen einsetzen würde. Dieses Wesen hatte einfach keine Substanz, die ich angreifen konnte. Doch da durchfuhr es mich wie ein Blitz. Der einzige Teil, der offenbar nicht aus Schatten bestand, waren die Augen. Meine Augen durchsuchten die Nacht nach dem Wesen, doch ich konnte nichts entdecken. Wo war das Ding abgeblieben? Da hörte ich ein leises Rascheln über mir. Ich liess mich fallen und rollte zur Seite. Wieder war das Glück auf meiner Seite. Wo ich gerade noch gestanden hatte, stand nun der Schattenwandler und fixierte mich mit seinen goldenen Augen. Siegessicher bewegte er sich langsam auf mich zu. Ich zog meine Waffe und noch während ich mich weiter rollte, schoss ich auf eines der Augen. Ein Schrei, der wie einer sterbende Sirene klang, hallte durch die Straße.

Fast sofort gingen in diversen Fenstern die Lichter an. Ich drückte mich in einen der Hauseingänge um nicht gesehen zu werden und suchte nach dem Schattenwesen. Es war verschwunden, als hätte es sich einfach in Luft aufgelöst. Dennoch fühlte ich mich unwohl. Hier im Schatten stehen war nach diesem Kampf irgendwie unangenehm. Wer sagte mir denn, dass der Schatten, in dem ich stand, nicht das Wesen war? Aber vermutlich hätte es mich dann sofort getötet. Und so beruhigte ich mich langsam wieder.

Es vergingen noch etwa 2 Minuten, als endlich ein schwarzer SUV durch die Straße fuhr. Ich erkannte das Nummernschild sofort und während er an mir vorbeifuhr, trat ich aus dem Schatten, beschleunigte, riss die Tür auf und sprang hinein. Markus, der am Steuer saß, beschleunigte sofort und fuhr in Richtung unserer Firmenzentrale. Kilian, der hinten saß, erkundigte sich nach meinem Befinden und als er feststellte, dass ich unverletzt war, sah man ihm seine Erleichterung an.

Zu Hause wartete meine Mutter im Morgenmantel in meiner vorübergehenden Wohnung. Sie hatte wohl mitbekommen, welche Daten ich aus der Familienbibliothek abgerufen hatte und so war ihre erste Frage: „War es einer der Schattenwandler?“ Ich nickte. „Und nun weiss ich auch, wie man sie bekämpfen kann.“ Diese Antwort brachte einen Ausdruck der Verwunderung auf ihr Gesicht, den ich dort noch nie gesehen hatte. „Du weisst, wie man Schattenwandler tötet?“, fragte sie nach. „Nein, aber ich weiss, wie man sie sich vom Leib halten kann. Ob man sie so auch töten kann, muss ich erst noch testen.“ Dann erzählte ich ihr im Detail, was ich erlebt hatte. Sie befahl mir, dass ich in nächster Zeit meine Untersuchungen nicht ohne Bodyguards weiterführen darf. Dafür ordnete sie mir 4 unserer besten Scharfschützen zu. Sie wollte sichergehen, dass diese auch in der Lage sind golden leuchtende Augen in der Nacht zu treffen.

Nun durchstreife ich die Nächte in der Hoffnung, dass sich der Schattenwandler wieder an mich heranwagt. Die Tage nutze ich um zusammen mit Nadine die Rekonstruktion der Kammer zu planen, in der der Kristallschädel sprechen soll. Wir sind da beide ziemlich penibel und versuchen sogar die gleichen Baumaterialien aufzutreiben, die in Babylon verwendet wurden. Das ist gar nicht so einfach, denn einige der Steinbrüche, aus denen die Steine dort kamen, werden gar nicht mehr bewirtschaftet. Und Nadine muss sich ziemlich tief durch Schrifttafeln wühlen um überhaupt erst herauszubekommen, aus welcher Gegend die Steine am ehesten gekommen sein könnte. Es werden wohl noch einige Wochen vergehen, bis wir mit dem Bau richtig beginnen können.

Ich kann nur hoffen, dass die Ley-Linien nicht auch noch eine Rolle spielen, denn dann brauche ich doch noch ein anderes Grundstück oder muss es irgendwie schaffen direkt in Babylon zu bauen, was im Prinzip unmöglich sein dürfte. Das werde ich aber diese Woche bestimmt herausbekommen, denn meine Reise in den Irak ist bereits geplant. Hilla, die nächste Stadt bei Babylon, soll derzeit relativ friedlich sein. Ich könnte zwar auch in Bagdad Quartier beziehen, aber das ist mir zu heikel. Begleiten werden mich einige Mitglieder unserer Familie. Unter anderem wird Markus dabei sein. Er ist quasi unser Erzmagier und ist in der Lage Ley-Linien aufzuspüren.

Mit steht nun also eine spannende Zeit bevor. Und vielleicht finde ich im Irak ja auch noch etwas über die Schattenwandler heraus. Die Magie des Orients hat ja ziemlich viel mit Dämonen zu tun.

Nadine wird Teil unserer Familie

Der Tag begann mit einem Frühstück bei meiner Mutter. Ich hatte Nadine davor noch auf ein paar Eigenheiten von ihr vorbereitet, aber das wäre gar nicht notwendig gewesen. Sie begrüßte uns außergewöhnlich freundlich und als sie sich an Nadine wandte, nahm sie sie in die Arme und sagte: „Willkommen in unserer Familie, mein Kind.“ Man konnte Nadine ansehen, dass ihr das irgendwie unangenehm war.

Beim Frühstück instruierte meine Mutter sie dann, was es bedeutet Teil unserer Familie zu sein. Außerdem wies sie ihr Mentoren zu, die sie beide über das Haustelefon zu uns rief. Kilian wurde ihr als Mentor für die geschäftlichen Angelegenheiten zugeteilt, wobei meiner Mutter mir einen bedeutungsschwangeren Blick zuwarf. Offenbar wollte sie, dass ich die Gelegenheit nutze um mehr mit ihm zusammen zu sein. Er begrüßte Nadine gewohnt herzlich und freute sich sichtlich, dass unsere Familie Zuwachs bekommen hatte. Für die diplomatischen Angelegenheiten wurde ihr Maria zugeteilt. Sie ist immer etwas distanziert und das war sie dann auch, als sie ihre neue Schülerin begrüßte.

Mir selbst fällt nun die Aufgabe zu sie in den Kampfkünsten und den Belangen im Umgang mit der Nachtwandler-Gesellschaft einzuweisen. Da das wohl den Großteil ihrer Ausbildung ausmacht, werde ich also viel Zeit mit ihr verbringen. Meine erste Aufgabe war es, sie unserem Lord vorzustellen.

Zuvor führte ich sie durch unser Unternehmen und stellte sie den dort anwesenden Familienmitgliedern vor. Als wir das Büro von Lydia verließen, hielt diese mich kurz auf und flüsterte mir in’s Ohr: „Ich hoffe, dass du sie mir mal ausleihst. Sie sieht aus als könne man viel Spass mit ihr haben.“ Dabei lächelte sie verschmitzt. Ich antwortete ihr: „So lange du sie mir wieder zurück gibst, kannst du es gern bei ihr versuchen.“ Mir sind ja die Vorliebe meiner Schwester durchaus bekannt. Ich selbst hatte schon einige Male die Gelegenheit sie mit einer ihrer Gespielinnen zu erleben.

Bis zum Abend unterwies ich Nadine dann in verschiedene Belange, die unsere Familie sowie die Gesellschaft der Nachtwandler betreffen. Ich erklärte ihr die Rangfolgen, die sich nach dem Alter der Nachtwandler richten, sowie die weltweite Organisation in Familien bzw. Clans, wobei ich die wichtigsten natürlich erwähnte. Ich ging auch darauf ein welche Fähigkeiten sie mit etwas Übung erlangen konnte. Und ich erklärte ihr die Geschäftsstrukturen unseres Unternehmens, mit allen seinen Tochterunternehmen. Letztendlich gestand ich ihr auch, dass es der Wunsch unseres Lords war, dass sie zu einer von uns wurde und warum das für uns so wichtig ist. Dabei betonte ich aber, dass ich mir keine bessere Partnerin an meiner Seite vorstellen könne als sie.

Am Abend begaben wir uns dann zu Lord Andreas. Auch seine Begrüßung von Nadine war sehr herzlich. Er gratulierte mir zu „dieser wunderschönen Tochter“ und äußerte die Hoffnung, dass sie sich in der Gesellschaft der Nachtwandler wohlfühlen möge. Abschließend lud er uns zum Essen ein. Die Speisen waren zwar nicht vergleichbar mit denen in Prag aber dennoch sehr köstlich und voller Essenz, so dass wir gegen Mitternacht gut gesättigt zurückkehrten.

Ich will natürlich nicht, dass Nadine lange in einer Gästewohnung leben muss. Sie hat wahrlich ein besseres Leben verdient. Dennoch ist es derzeit wichtig, dass sie sich an sicheren Orten aufhält, so daß sie damit wohl noch eine Weile leben muss. Zumindest so lange, bis ich den Fall abgeschlossen habe. Damit sie sich aber etwas heimischer fühlt, habe ich mit ihr eine neue Einrichtung bestellt, die ihr gefällt. Außerdem habe ich veranlasst, dass auch die restlichen Sachen aus ihrer Wohnung hierher geschafft werden. Damit ich in ihrer Nähe sein kann, habe ich vorübergehend die Wohnung direkt neben ihr bezogen. Sie war von den vielen neuen Eindrücken sichtlich erschöpft und ist mittlerweile zu Bett gegangen. Ich hoffe, sie findet im Schlaf die Erholung, die sie braucht.

Ich sitze nun in meinem vorübergehenden Wohnsitz und bereite den morgigen Tag vor. Ich musste unbedingt mit meinen Nachforschungen vorwärts kommen und plane zu diesem Zweck Hans von Creuzburg aufzusuchen sowie 2 Händler, die in Jiris Tagebuch erwähnt wurden. Mal schauen, was ich dadurch herausbekommen kann. Dabei werde ich Nadine natürlich mitnehmen, so dass sie bereits erste Erfahrungen in unserer Gesellschaft sammeln kann. Meine Mutter hat zugestimmt, dass sie ein paar Tage Zeit bekommt, bevor ihr Unterricht bei Kilian und Maria beginnt. Zwischendurch müssen wir noch einen Abstecher zu einer Bank machen, damit wir ihr ein Konto einrichten können. Ich will nicht, dass sie finanzielle Sorgen hat, auch wenn sie von ihren Eltern jeden Monat ein paar Euro überwiesen bekommt. Diese vergleichsweise kleinen Summen sind für unsere Familie schlicht nicht angemessen. Ausserdem ist es wichtig, dass unser Unternehmen Zugriff auf ihr Konto hat. Schliesslich müssen wir uns ja auch etwas absichern, falls sie doch aus der Reihe tanzen sollte. Weiterhin plane ich sie neu einzukleiden. Ihre recht billigen Klamotten passen nicht zu uns und die hellen Farben können bei der Jagd auch hinderlich sein.

Ein ungewöhnlicher Auftrag

Ich bin wirklich froh wieder in Berlin zu sein. Gegen Abend kam ich mit Lydia hier an. Sie hatte ihren Fahrer voraus geschickt, damit sie mit mir reisen konnte. So wurde die Fahrt sehr angenehm und unterhaltsam.

Am frühen Abend trafen wir in unserem Familiensitz ein, wo ich mich zuerst bei meiner Mutter meldete und Katrin, die am Empfang Dienst hatte, instruierte, dass sie auf keinen Fall Nadine benachrichtigen sollte, dass ich bereits zurück bin. Ich hatte erst noch einige Dinge zu erledigen. Meine Mutter erwartete mich im großen Konferenzsaal. Dort stand sie am Ende der langen Tafel hinter ihrem Stuhl und schaute mich missbilligend an. In ihrem schwarzen Kleid, mit ihrer blassen Haut, den schwarzen Haaren und ihrem resoluten Auftreten sah sie so gut aus wie immer. Das war damals auch der Grund, dass ich auf sie herein fiel, als sie mich verführte und zu einem Nachtwandler machte.

Anstatt einer Begrüßung, bekam ich von ihr einen Vorwurf zu hören: „Was aus unserem Unternehmen wird, ist dir offensichtlich egal.“ Ich schaute sie nur verständnislos an. Hatte sie vergessen, dass ich gerade erst diesen super Deal mit Pakistan eingefädelt hatte? „Wie kannst du es wagen, ohne dich abzumelden einfach zu verschwinden?“ Erst da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. „Und dann quartierst du auch noch dieses Flittchen hier ein, auch ohne zu fragen!“ Langsam steigerte sie sich rein in ihre Wut. Ich musste sie irgendwie beruhigen. Ich zog also meinen üblichen Trumpf sofort aus der Tasche. „Würdest du dich weigern einen Auftrag des Lords auszuführen, wenn er dich dazu auffordert?“ Ihr Blick wurde noch stechender. „Das ist kein Grund dich nicht abzumelden und Sterbliche in unseren Gästewohnungen einzuquartieren!“, keifte sie mich an. „Ok, mit dem Abmelden gebe ich dir Recht. Aber dass Nadine hier ist, ist Teil des Auftrags, den ich derzeit erfülle. Nur hier ist sie in Sicherheit.“

Im Folgenden erzählte ich ihr, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte. Als ich bei dem Angriff in Prag angekommen war, wurden ihre Blicke bereits etwas milder. Und als ich ihr von der Wolfshöhle in Hluboka erzählte, war sie endgültig beruhigt. Ihre anfängliche Wut hatte sich in mütterliche Sorge verwandelt. Sie kam zu mir und schloss mich in ihre Arme. „Mein armes Kind. Hättest du doch nur Bescheid gesagt. Ich hätte dich doch niemals ohne Schutz nach Prag fahren lassen. Jeder weiss doch, was dort momentan los ist.“ Als sie mir erzählte, was sie wusste, wurde mir klar, dass ich mich wohl häufiger mit den internationalen Gegebenheiten unserer Gesellschaft beschäftigen sollte.

Lord Vratislav hatte mittlerweile die Kontrolle über große Teile seines Gebiets verloren. Aus dem gesamten Ostblock strömten rudelweise Werwölfe in sein Territorium. Mehr als 200 Nachtwandler hatten dort in den letzten Jahren ihr Leben gelassen. Nicht mal unser Lord hatte mich davor gewarnt. Er hatte mich einfach in diese Todesfalle laufen lassen. Oder ging er einfach davon aus, dass ich darüber informiert war? Langsam wurde mir klar, warum er so in Sorge war, als ich meine Reise nach Prag ankündigte. Ihm ging es gar nicht darum, dass sein bester Blutsucher Berlin verlässt. Er machte sich vermutlich Sorgen, dass ich nicht mehr zurückkehren würde.

Ich unterhielt mich noch eine ganze Stunde mit meiner Mutter. Zum Schluss musste ich ihr versprechen, dass ich möglichst bald mit Kilian trainieren werde, damit ich lerne wie ich meine neuen Fähigkeiten kontrollieren kann. Erst war es aber für mich an der Zeit unseren Lord zu besuchen. Ich liess daher meinen Chauffeur vorfahren und  machte mich auf den Weg zum Regierungsbunker unter dem neuen Flughafen BER.

Überrascht? Ich finde es immer wieder amüsant, dass ihr Sterblichen ernsthaft glaubt, dass solche Bunkeranlagen für euch gemacht sind. Solltet ihr noch einen Krieg anzetteln, werdet ihr doch eh nicht überleben. Selbst wenn ihr in solchen Bunkeranlagen noch für eine Weile leben könntet, würden euch irgendwann die Nahrungsmittel ausgehen und spätestens, wenn ihr die verstrahlte Erde wieder betretet, lebt ihr nur noch sehr kurze Zeit. Daher sind solche Bunkeranlagen natürlich für uns gemacht. In ihnen sind große Mengen extrahierte Essenz eingelagert, die, weltweit gesehen, ausreichen um mehrere Tausend Kainskinder für Jahrhunderte zu versorgen. Sie enthalten sogar Anlagen, in denen wir uns in einen todähnlichen Zustand versetzen können. Erst nach einer voreingestellten Zeit, wird uns durch eine Infusion wieder neue Essenz eingeflößt. So können wir selbst Jahrhunderte überdauern, bevor wir wieder auf der Erde wandeln, ohne auch nur einen Tropfen Essenz zu verbrauchen. Kurzum: Diese Bunkeranlagen ermöglichen es uns abzuwarten, bis die Natur sich wieder regeneriert hat, wenn ihr sie vernichtet. Dennoch hoffe ich, dass es dazu nicht kommen wird.

Ich genoss die Fahrt durch das nächtliche Berlin. Dies ist meine Welt, in der ich mich wohl fühle. Jede Ecke dieser Stadt kenne ich. Ich habe gesehen, wie sie gewachsen ist, wie sie in Trümmern lag und wie sie wieder aufgebaut wurde. Und ich mag die Menschen hier, die sich uns so bereitwillig hingeben. Manche für ein paar Euro, manche für Drogen und wieder andere nur für etwas scheinbare Liebe. Hier ist der Tisch immer reich gedeckt.

Am BER angekommen fuhren wir über das Rollfeld bis zum geheimen Eingang der Bunkeranlage. Schon als wir darauf zufuhren hob sich eine Platte im Rollfeld und gab die Einfahrt in die Tiefe frei. Wir fuhren weiter in das unterirdische Parkhaus und ich ging zum Aufzug, der mich weitere 10 Etagen nach unten beförderte. Ganz unten angekommen, betrat ich das Reich unseres Lords.

Der Raum, den ich betrat, war nur von 2 Kerzen und ein paar Bildschirmen beleuchtet, was ich als sehr angenehm empfand. An der Wand gegenüber der Tür stand ein Thron, hinter dem die Flagge der Templer befestigt war. Noch immer konnte sich unser Lord nicht von seiner Vergangenheit lösen. An den Wänden standen in regelmässigen Abständen Diener, die auch als Wachen fungierten. Sie sind alle sehr gut in verschiedenen Kampfkünsten ausgebildet und würden vermutlich sogar mit mir spielend fertig werden. Der Boden war mit einem weichen schwarzen Teppich ausgelegt und an der Decke bildeten schwarze Tücher eine Art Gewölbe.

Ich kniete mich vor meinem Lord nieder und grüßte, wie es sich gehörte: „Mylord Andreas von Montbard,  euer ergebener Diener meldet sich zurück.“ In seiner weißen Umhang mit dem roten Kreuz der Templer auf der Seite stand er vor mir und lächelte mich an. „Steh auf, mein Freund. Es ist nicht rechtens, dass ihr, dem ich so oft mein Leben zu verdanken habe, vor mir auf den Knien rutscht. Wann gewöhnst ihr euch das endlich ab?“ „Nie, Mylord.“ war meine Antwort. „Denn es ist ebenso wenig rechtens, dass ein niederer Diener wie ich euch auf Augenhöhe grüßt.“ „Wahrlich gut gesprochen, mein Freund, wahrlich gut gesprochen.“, erwiderte er. „Doch nun erhebt euch endlich und berichtet mir von eurer Reise. Ich bin froh euch lebend wiederzusehen.“

Wir setzten uns an einen Tisch, dessen Oberfläche durch einen Bildschirm gebildet wurde. Auf diesem war gerade eine Karte von Berlin eingeblendet, auf dem sich mehrere Punkte bewegten, die jeweils mit Markierungen, auf denen Namen standen, versehen waren. Am BER konnte ich auch meinen Namen entdecken und so war mir klar, dass diese Karte unserem Lord wohl einen Überblick darüber gab, wo sich seine „Armee“ gerade befand. Er berührte einen Schalter an der Seite des Tisches, woraufhin die Karte erlosch. Dann winkte er einem Diener, der an der Wand des Raumes stand, und forderte: „Bring uns etwas zu trinken.“ Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Diener wieder bei uns am Tisch stand und uns silberne Pokale, die mit Blut gefüllt waren, reichte.

Silber ist für uns Nachtwandler ein wertvoller Stoff. Er ist nicht nur als Waffe gegen andere Wesen der Nacht sehr hilfreich sondern kann auch die Essenz im Blut von euch Sterblichen für einige Zeit erhalten. Für längere Lagerungen ist es allerdings nicht geeignet. Ich nahm einen großen Schluck und begann mit meinem Bericht.

Ich berichtete ihm also über meine bisherigen Erkenntnisse und die Ereignisse in Prag. Währenddessen winkte unser Lord eine Nachtwandlerin herbei, wobei er auf mich deutete. Ohne mich zu unterbrechen begann sie meine Schultern und meinen Hals zu massieren, wodurch ich im Laufe meines Berichts immer entspannter wurde. Als ich alles erzählt hatte, nickte Lord Andreas bedächtig.

„Was du mir erzählst, erinnert mich an meine Zeiten als Sterblicher. Unser Orden suchte damals auch nach einem Artefakt, das die Worte Gottes in die Welt tragen sollte. Leider haben wir es nie gefunden. Nach dem, was du mir berichtest, könnte es genau dieses Artefakt sein. Schliesslich war ja Schamasch der Sonnengott und Gott der Gerechtigkeit, ganz so wie unser Gott. Mich wundert nur, dass dieses Artefakt in Babylon gefunden wurde, denn es gab dort nie einen Tempel dieses Gottes wenn ich richtig informiert bin.“ Ich nickte. „Ja, Mylord, das ist auch das, was ich erfahren habe. Jedoch erwähnte die Sterbliche, die das Artefakt erforscht, dass der Kristallschädel regelmäßig nach Babylon gebracht wurde, um dort ein Ritual mit ihm durchzuführen. Das könnte eventuell erklären, warum er dort gefunden wurde.“

Wieder nickte er und versank danach in Schweigen. Als ich gerade wieder etwas sagen wollte um das Schweigen zu brechen, stand er auf und schaute mich durchdringend an. „Mache diese Sterbliche zu deiner Gefährtin und zum Teil unserer Gemeinschaft. Wir können es uns nicht leisten, dass ihr wertvolles Wissen dem Zahn der Zeit anheim fällt.“ Ich war erstmal baff. „Aber Mylord, ich kann dies nicht ohne meine Mutter entscheiden.“ Mir schwante nämlich schon übles, wenn ich ohne ihre Genehmigung „das Flittchen“ zu einem Teil unserer Familie machen würde. „Das lass nur meine Sorge sein. Sie wird sich meinem Befehl nicht widersetzen.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile, bevor ich mich wieder auf den Weg in die Innenstadt machte. Nadine als meine Gefährtin und als mein erstes Kind… ich war mir noch nicht ganz sicher, ob ich das gut finden sollte. Doch der Gedanke daran erregte mich auch. Wenn alles gut ging, würde sie bis an’s Ende der Zeit an meiner Seite sein. Eine Partnerin, die mich durch die Unsterblichkeit begleiten würde. Und mir wurde auch bewusst, dass die Wiedererweckung in unserer Familie zur Folge hatte, dass sich ihre natürliche Schönheit einer Sterblichen noch mehr entfalten würde. Das war gewissermaßen „der Fluch“ unserer Familie. Sie würde mit Sicherheit eine äußerst begehrenswerte Frau werden, mehr noch, als sie es sowieso schon ist.

Zurück in der Zentrale unserer Familie ging ich sofort zu ihr. Mir war zwar noch nicht klar, wie ich es ihr beibringen sollte, dass ihr nun eine neue Welt bevorstand, aber ich liess es einfach mal darauf ankommen. Sie war offenbar überglücklich, als sie mich sah, und fiel mir gleich um den Hals. Ich lud sie ein mit mir etwas spazieren zu gehen. Als ich ihr unterwegs dann offenbarte, was ich wirklich bin, lachte sie mich zuerst aus. Scheinbar glaubte sie mir nicht. Als ich jedoch meine Hauer ausfuhr und Blutmagie aktivierte um vor ihr zu levitieren, wandelte sich ihre Belustigung schlagartig in Angst. Irgendwie schaffte ich es aber sie zu beruhigen, indem ich ihr klarmachte, dass ich ihr niemals etwas antun könne. Doch dann kam die Frage, von der ich gehofft hatte, dass sie sie nicht stellen würde: „Hast du von mir getrunken?“ Ich entschied mich für eine Notlüge. „Ja. Wie hätte ich dir widerstehen können? Ich wollte dich in mich aufnehmen um dich mit allen meinen Sinnen erfahren zu können“, antwortete ich ihr. Damit hatte ich sie: „Lass mich für immer ein Teil von dir sein.“, forderte sie. „Deswegen wollte ich mit dir reden.“, war meine Antwort. Mittlerweile waren wir in einem Park neben der Chausseestraße angekommen. „Willst du wirklich für immer mit mir verbunden sein?“, fragte ich. Ihre Antwort war nur ein leises flüstern: „Mach mich zu deiner ewigen Gefährtin.“

Und das tat ich dann auch. Bis auf den letzten Tropfen trank ich sie aus. Es war wahrlich nicht leicht ihr beim Sterben zuzusehen. Erst dadurch erinnerte ich mich an die Qualen, die ich damals dabei erlitten hatte. Sie wandte sich im Todeskampf in meinen Armen und ich spürte, wie ihr Herzschlag immer schwächer wurde. Das Röcheln, das dabei aus ihrer Kehle drang, werde ich vermutlich nie vergessen, selbst wenn ich 1000 Jahre überleben sollte. Wie konnte meine Mutter mit der Erinnerung an so viele genommene Leben existieren?

Schliesslich nahm Nadine ihren letzten Atemzug und mit diesem biss ich meine Pulsader und gab ihr von meiner Essenz zu trinken. Nachdem der erste Tropfen ihre Kehle hinabgeronnen war, begann sie gierig zu trinken. Doch ich musste aufpassen, dass es nicht zu viel wurde. Dass ich hier reglos im Park liegen blieb, konnten wir nun gewiss nicht gebrauchen. Und so entriss ich ihr meinen Arm, als ich sah, wie die Schwärze durch ihre Augen floss. Den Rest konnten sie sich von Sterblichen holen. Sie trug nun genug meiner Seele in sich.

Es vergingen noch einige Minuten, bis sie wieder richtig zu sich kam. Es ist nicht leicht, aus der Welt des Todes wieder in die Welt des Lebens zurückzukehren und verursacht anfänglich eine gewisse Benommenheit. In dieser Zeit ging eine erstaunliche Transformation mit ihr vor. Ihre zuvor blonden Haare wurden immer dunkler, bis sie ein seidiges Schwarz angenommen hatten. Ihre Gesichtszüge wurden weicher und, zumindest aus meiner Perspektive, noch schöner als zuvor. Ihre Muskeln wuchsen etwas, so dass ihre Gestalt insgesamt sportlicher und weniger zierlich wurde.

Als ich sah, dass ihr Blick wieder klar wurde, lächelte ich sie an. „Willkommen zurück, meine Tochter.“, sagte ich zu ihr. Sie lächelte zurück. „Ich spüre so ein Brennen in meinem Körper. Ist das normal?“, war ihre Antwort. „Na, dann wird es Zeit, dass wir uns einen kleinen Imbiss suchen.“ Ich nahm sie bei der Hand und zusammen gingen wir los. Sie hatte noch nicht die volle Kontrolle über ihren Körper, was ich daran sehen konnte, dass sie nicht in der Lage war ihre Hauer zu verbergen. Während wir so liefen und in die Liesenstraße einbogen, erklärte ich ihr die Grundlagen unserer Regeln und sie versuchte dann ihren Mund geschlossen zu halten, wenn sie nicht gerade sprechen musste, so dass ihre Hauer nicht zu sehen waren.

Am Dorotheenstadt-Friedhof lungerten drei Jugendliche herum. Ich blickte die Straße entlang und konnte keine weiteren Sterblichen erblicken. „Da steht unser Abendessen“, flüsterte ich Nadine zu. Sie grinste. „Muss ich irgendwas beachten?“ „Ja, lass sie am Leben. Achte auf ihren Herzschlag. Wenn er langsamer wird, hör auf. Es gibt viele von ihnen und wir müssen sie nicht austrinken.“

Wir wechselten die Straßenseite und gingen auf die Drei zu. Sie wendeten sich uns zu, als sie sahen, dass wir auf sie zusteuerten. Ich trug meine Sonnenbrille um meine schwarzen Augen zu verbergen, hatte es aber versäumt eine für Nadine mitzunehmen. Daher waren ihre vollständig schwarzen Augen im Schein der Laternen gut zu sehen. „Was seid ihr denn für Freaks?“, sprach uns einer der Jugendlichen an. „Vampire?“ Ich aktivierte die Kraft meines Blutes und stand im nächsten Augenblick hinter ihm. „Wer kann das schon wissen?!“, flüsterte ich in sein Ohr. Erschrocken fuhr er herum. „Scheiße man, wie hast du denn das gemacht?“ Inzwischen war auch Nadine herangekommen. „Das musst du mir auch noch beibringen.“, sagte sie grinsend, wodurch sich ihre Hauer entblößten. Ich zog den Jungen vor mir an mich und biss in seinen Hals, woraufhin er sofort in meinen Armen bewusstlos erschlaffte. Ich reichte ihn weiter an Nadine und wendete mich den anderen beiden zu, die sich gerade zur Flucht bereit machten. Ich legte einen Schlafzauber über sie und sprang mit ihnen über die Friedhofsmauer, jeden unter einen Arm geklemmt. Dort legte ich sie ab und kehrte zu Nadine zurück, die im gleichen Moment von dem anderen abliess. „Ich hoffe er lebt noch.“, sagte sie nur. Ich fühlte seinen Puls und war erleichtert. Sie schien sich unter Kontrolle zu haben.

Ich erklärte ihr rasch, wie sie mittels Konzentration die Energie, die sie aufgenommen hatte, aktivieren konnte um ihre körperlichen Fähigkeiten zu steigern. Sie lernte erstaunlich schnell und war fast auf Anhieb in der Lage auch über die Friedhofsmauer zu springen. Ich nahm den Dritten mit dorthin. Dann liess ich sie auch noch von den beiden anderen trinken. „Und, ist das Brennen nun weg?“, frage ich sie. Sie nickte nur und lächelte. Ich sah, wie ihre Hauer hinter ihrer Oberlippe verschwanden. Scheinbar war es vor allem der Hunger, der dafür sorgte, dass sie sie bisher nicht einziehen konnte. „Dann lass uns jetzt nach Hause fahren.“, forderte ich sie auf. Wie alle Sterblichen würden auch die 3 sich nicht mehr daran erinnern, was ihnen widerfahren war. Eine Nebenwirkung unseres Speichels. Er verursacht eine etwa einstündige Gedächtnislücke.

Mit meinem Handy rief ich meinen Fahrer an und beorderte ihn zu uns. Nach wenigen Minuten traf er ein und kurz darauf waren wir wieder in der Gästewohnung, in der ich Nadine untergebracht hatte.

Nun graut hier langsam der Morgen. In den letzten Stunden hatte ich Nadine noch einiges über ihr neues Leben erzählt. Auch meine Mutter schaute noch kurz bei uns herein, nickte aber nur kurz und sagte: „Gut, du hast es also bereits getan. Ich möchte euch zum Frühstück in meinen Gemächern sehen.“ Dann verschwand sie sofort wieder. Jetzt schläft Nadine friedlich hinter mir. Die Aufregung und die vielen neuen Sinneseindrücke haben sie sichtlich erschöpft. Ich hoffe, dass sie sich bis zum Frühstück wieder erholt hat.

Entspannung in Prag

Der Tag war erstaunlich entspannend um nicht sogar zu sagen ein toller Abschluss für diese Reise. Nach dem, was mir bisher in diesem Land widerfahren war, wundert mich das durchaus ein wenig. Wie gestern bereits erwähnt, recherchierte ich in unserer digitalisierten Familienbibliothek nach Fällen, in denen ein Nachtwandler das Blut eines Werwolfs getrunken hatte. Und ich wurde tatsächlich auch in unserer Chronik fündig. Es gab einen solchen Fall sogar in unserer Familie.

Ich fand einen Bericht über eine Schlacht in Buda um 1540, bei der die einfallenden Osmanen von Werwölfen unterstützt wurden. Einige Mitglieder meiner Familie waren damals zugegen und der Bericht erwähnte auch, dass Kilian als Einziger von ihnen überlebte, weil er die getöteten Werwölfe austrank und dadurch „krafterfüllt wurde wie seine Gegnerschaft“. Danach verschwand er für fast 100 Jahre, ohne dass unsere Familie wusste, was aus ihm geworden war. Mittlerweile lebt er aber wieder in Berlin. Ich hatte in meinem Leben bereits viel mit ihm zu tun, weil er in der Zeit nach meiner Wiedererweckung mein Mentor für die geschäftlichen Dinge unseres Unternehmens war.

Logischerweise telefonierte ich sofort mit ihm. Er nahm sich ziemlich lange Zeit für meine Fragen. So erfuhr ich von ihm, dass auch er die gleichen Erfahrungen machte wie ich. Mit etwas Übung könnte ich sogar lernen zu kontrollieren, wann meine Klauen sich bilden und wann sie zu meinen normalen Händen werden. Er wies auch darauf hin, dass diese Klauen gegen Werwölfe effektiver sind als silberne Waffen. Das erklärte natürlich, warum ich den beiden an dem Schacht so einfach den Schädel zertrümmern konnte und warum die Wölfin zögerte mich anzugreifen so lange ich sie hatte. Auch die geschärften Sinne sind wohl ein völlig normales Phänomen.

Allerdings soll ich in Zukunft etwas vorsichtiger sein, wenn ich die Kraft meines Blutes einsetze. Es besteht nämlich die Möglichkeit, dass ich unkontrolliert so viel davon verbrauche, dass ich irgendwann nur noch mit Hilfe eine Transfusion wieder auf die Beine komme. Das ist natürlich nicht so toll, denn ich hatte mich in meinem bisherigen Leben immer sehr bemüht diese sogenannte Blutmagie zu erlernen und meine Fähigkeiten darin zu vervollkommnen. Die Fähigkeiten, die man dadurch erlangt sind ziemlich hilfreich. Sie reichen von einer enorm schnellen Bewegungsfähigkeit und gesteigerten Muskelkraft, was vor allem im Kampf nützlich ist, bis hin zur Levitation.

Insgesamt beruhigte mich das Telefonat mit Kilian aber ziemlich. Um zu testen wie gut ich die Blutmagie noch kontrollieren kann, rief ich meinen Fahrer zu mir und instruierte ihn, dass er mich sofort nach Berlin fahren solle, wenn ich das Bewusstsein verliere. Daraufhin aktivierte ich die Kraft meines Blutes und wechselte einige Male meine Position im Zimmer. Auch die Levitation übte ich ein paar Mal. Von einem Kontrollverlust konnte ich allerdings nichts spüren. Vielleicht zahlt sich meine viele Übung in der Blutmagie nun doch noch aus.

Gegen Mittag machte ich mich auf den Weg zu Ondrej. Diesmal allerdings mit meinem Wagen. Auf dem Weg schaute ich noch in einem Bordell vorbei, wo ich mir einen Imbiss gönnte. In dieser Stadt rechnete ich mittlerweile mit allem und wollte auf etwaige Kämpfe vorbereitet sein. Hungrig in einen Kampf zu gehen ist niemals eine gute Idee.

Ondrej freute sich sehr mich zu sehen. Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit den Wölfen in Hluboka. Als ich ihm von meinen neuen Fähigkeiten berichtete, grinste er und sagte: „Du wirst sehen, dass dir diese Fähigkeiten noch so manches Mal das Leben retten werden.“ Dabei hielt er seine rechte Hand nach oben und formte sie zu einer Klaue. Ich verlieh meiner Verwunderung darüber, dass er diese bei unserem Kampf nicht einsetzte, Ausdruck. Er aber lächelte und meinte nur, dass er nunmal ein Waffennarr sei. Ausserdem hatte er wohl bereits einige Male die Kontrolle über sein Blut verloren und ist nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Das leuchtete mir ein.

Natürlich kaufte ich bei ihm auch noch ein. Zu meiner Freude konnte er mir sogar eine neue SFP9 anbieten. Ich konnte sogar zwischen einer TR und einer SF wählen und entschied mich für die letztere. Ich stockte noch meine Munition auf und verabschiedete mich von ihm, nicht ohne ihn zu bitten sich bei mir zu melden, sollte er mal in Berlin sein, und ihm eine Unterkunft bei uns anzubieten.

Am Abend begab ich mich zu Lord Vratislav um mich ordnungsgemäss abzumelden. Er lud mich ein den Abend bei ihm zu verweilen, da er einen Ball geplant hatte. Ich war dafür allerdings nicht passend gekleidet und kehrte daher kurz in mein Hotel zurück um mich umzuziehen. Zu meinem Erstaunen traf ich dort auf Lydia.

Sie ist quasi meine Schwester. Das heisst, sie wurde zur gleichen Zeit wiedererweckt wie ich. Da wir unsere „Lehre“ zusammen absolvierten, hat sich zwischen uns eine sehr enge Beziehung entwickelt. Man kann sich meine Freude also vorstellen. Sie hatte geschäftlich hier in Prag zu tun, wollte aber auch am nächsten Tag wieder nach Berlin zurückkehren. Diesmal würde die Fahrt also nicht so langweilig werden.

Zusammen kehrten wir zu Lord Vratislav zurück. Sein Ball stellte sich dann wirklich als ein großartiges Ereignis heraus. Neben sehr erlesenen Speisen, die das, was ich bisher bei ihm geniessen durfte, noch übertrafen, hatte er auch einiges an frischer Nahrung organisiert. Die auftretenden Tänzerinnen standen uns zur freien Verfügung und bald schon wurde aus dem höfischen Ball eine Blutorgie, die alle Sinne ansprach. Die Nacht war bis in’s Detail perfekt. Ich erwischte mich allerdings dabei, dass ich Nadine vermisste. Ihre köstliche Essenz in dieser Umgebung zu trinken wäre noch das Tüpfelchen auf dem ‚i‘ gewesen.

Jedoch stellte sich Lydia mir zur Verfügung und so kam ich nach Jahren mal wieder in den Genuss die Essenz einer Nachtwandlerin zu trinken. Wir hatten nach unserer Wiedererweckung häufiger voneinander getrunken, während wir körperliche Freuden austauschten. Doch in den letzten 12 Jahren bot sich leider keine Gelegenheit mehr dazu. Ich war zu sehr mit meiner Arbeit als Blutsucher für unseren Lord beschäftigt und sie hatte viel mit den Geschäften unserer Familie zu tun. Auf diese Weise bekam dieser Abend einen Höhepunkt, den ich nicht in Worte kleiden kann.

Nun bin ich wieder zurück im Hotel und noch immer etwas berauscht von den Sinneseindrücken der letzten Stunden. Ich habe das Gefühl als könnte ich noch immer ihren nackten Körper an mir spüren und den lustvollen Schmerz, wenn ihre Hauer in mein Fleisch drangen. Gleich werde ich noch meine Sachen packen und im Laufe des Vormittags geht es dann zurück gen Heimat. Ich freue mich darauf dieses Wolfsnest endlich wieder verlassen zu können.

In der Höhle der Wölfe

Die letzte Nacht war dann leider doch nicht so ruhig wie erhofft. Zwar traf ich die ältere Dame in der Bar und konnte meinen Hunger stillen, allerdings ging, kurz nachdem ich wieder in meinem Zimmer war, draußen ein ziemlicher Lärm los. Es klang, als würde ein Rudel Hunde aufeinander losgehen. Immer wieder waren auch Schüsse zu hören.

Ich sparte mir den langen Weg über die Treppe, warf stattdessen nur meinem Mantel über, griff meine Waffen und sprang vom Balkon. Der Lärm ließ genau so schnell nach, wie er begonnen hatte. Noch während ich in die entsprechende Richtung eilte, war kaum noch etwas zu hören.

Doch plötzlich huschte vor mir ein geduckt laufender Werwolf über den Weg. Ich heftete mich an seine Fersen und folgte ihm in Richtung des Waldes. Ich kann nicht erklären, warum ich nicht einfach auf ihn schoss. Mein Instinkt sagte mir, dass ich ihm besser folgen sollte. Und zumeist kann ich mich auf meinen Instinkt verlassen.

Obwohl er wesentlich schneller war als ich und sein Vorsprung immer größer wurde, hatte ich das Gefühl ihn so deutlich zu hören als sei er direkt vor mir. Ich war darüber ziemlich erstaunt, vermutete jedoch, dass dies wohl eine Nebenwirkung des Werwolfblutes war, das ich getrunken hatte. Bald sollte ich aber erfahren, dass es noch mehr solcher Nebenwirkungen gibt.

Ich folgte der Bestie bis zum Eingang eines Schachtes oder besser gesagt einer Röhre, die fast senkrecht in einen Hügel führte. Aus diesem Schacht hörte ich Geräusche als würden Krallen über Beton kratzen. Als ich vorsichtig hineinschaute, konnte ich erkennen, dass die Röhre künstlich war. Sie hatte einen Durchmesser von etwa 2 Metern und war aus einzelnen runden Stücken von Betonröhren konstruiert. Sie glich fast einem dieser alten Kanalisationsrohre aus den 60er Jahren. In ihr hatte sich im oberen Teil bereits jede Menge Moos angesiedelt. Vielleicht stammte sie tatsächlich aus dieser Zeit.

Ich haderte ziemlich mit mir, ob ich dem Werwolf folgen sollte, und entschied mich vorerst dagegen. Ohne Hilfsmittel in diesen Schacht zu klettern, dürfte eine halsbrecherische Aktion werden. Ich kehrte somit erst in’s Hotel zurück und packte ein paar Dinge in einen Rucksack. Außerdem tauschte ich meinen Mantel durch eine Tarnjacke aus, über die ich meine taktische Weste zog. In dieser habe ich immer allerlei Utensilien, die mir schon in so mancher Situation geholfen hatten. Außerdem verstaute ich darin nun noch ein paar Magazine für meine Waffen.

Als alles gepackt war verließ ich mein Zimmer wieder über den Balkon. Mit meiner umgehängten Ruger und bewaffnet bis an die Zähne wollte ich lieber nicht von Sterblichen gesehen werden. Sie hätten mich vermutlich für einen Terroristen gehalten.

Ich lief also durch die Nacht, es muss so gegen 4 Uhr gewesen sein, zurück zu dem Schacht und achtete dabei sehr genau auf meine Umgebung. Glücklicherweise begegneten mir aber keine weiteren Gestaltwandler und ich kam ohne Zwischenfälle an mein Ziel.

An einem Baum in der Nähe des Schachts befestigte ich ein Kletterseil und begann mit dem Abstieg in die Tiefe. Dabei hielt ich immer wieder inne und lauschte. Manchmal hatte ich auch das Gefühl von unten etwas zu hören, worauf ich dann immer kurz verweilte, bereit jederzeit wieder nach oben zu klettern. Da mir aber die Kletterkünste von Werwölfen bekannt sind, war ich mir durchaus bewusst, dass ich auf dem glatten Beton nur mit meinem Seil als Unterstützung kaum eine Chance hätte zu entkommen.

Und dann geschah es. Ich verlor den Halt und fiel. Im gleichen Moment spürte ich einen Schmerz durch meine Hände gehen, versuchte aber dennoch am Beton Halt zu finden. Und seltsamerweise gelang mir das auch sofort. Als ich dann meine Hände anschaute um zu sehen ob die Heilung der Verletzung, die den Schmerz verursachte, mich viel meiner Energie kosten würde, hätte ich vor Schreck fast wieder losgelassen. Ich schaute auf Werwolf-Pranken. Nun war mir klar, dass das Trinken von Werwolfblut wohl doch einiges mehr mit mir angerichtet hatte. Im Moment war ich darüber ganz froh. Aber was würde noch alles passieren? Würde ich mich irgendwann gänzlich in einem Werwolf verwandeln? Ist es wirklich möglich, dass ein Nachtwandler zu einem Werwolf werden kann?

Ich beschloss der Sache später auf den Grund zu gehen und mich vorerst auf meine aktuelle Aufgabe zu konzentrieren. Ablenkung konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen. Insgesamt kletterte ich knapp 30 Meter nach unten, bevor ich einen felsigen Boden erreichte. Mit den Klauen war das erstaunlich leicht, denn die Krallen bohrten sich mühelos sogar in den Beton.

Ich stand nun in einer Art Stollen, der durch Felsen getrieben war. Hier unten war es stockdunkel, aber dank meiner Nachtwandler-Fähigkeiten konnte ich gut in der Dunkelheit sehen. Ich hatte sogar das Gefühl, dass das besser ging als früher. Eine weitere Wirkung des Werwolfblutes? Auch diese Überlegungen musste ich wohl erst einmal verschieben. So leise, wie es mir möglich war, schlich ich den Stollen entlang. Nach einigen Schritten spürte ich wieder diesen Schmerz in den Händen und meine Klauen verschwanden. Ich hatte meine Hände zurück. Man kann sich meine Erleichterung sicherlich gut vorstellen, denn es liess mich hoffen, dass die Wirkung des Werwolfblutes in meinen Adern nicht dauerhaft ist.

Als ich an eine Abzweigung kam, hörte ich aus einer Richtung scheinbar noch etwas entfernte Stimmen. Ich folgte diesen und sah nach einer weiteren Abzweigung auch einen sanften Lichtschimmer, der von einem Feuer oder Fackeln zu kommen schien. Aus dieser Richtung kamen auch die Stimmen. Nun robbte ich vorsichtig vorwärts, damit man meine Sil­hou­et­te im Stollen nicht erkennen konnte. Leider können Werwölfe in der Dunkelheit genau so gut sehen wie wir Nachtwandler. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass ihre Augen dann in der Dunkelheit rot leuchten, während unsere vollständig schwarz werden. Mir fuhr bei dem Gedanken daran der Schreck durch die Glieder, denn ich befürchtete, dass meine Augen nun auch leuchten könnten. Ich nahm also mein Handy als Spiegel, stellte aber erleichtert fest, dass meine Augen kein Leuchten aufwiesen. Das Display meines Handys zeigte in der Dunkelheit jedenfalls keine Reflexion.

Je weiter ich mich in dem Gang vorwärts bewegte, umso besser konnte ich die Stimmen verstehen. Schon bald konnte ich jedes Wort klar hören, hatte aber das Gefühl, dass sie noch ziemlich weit entfernt waren. Scheinbar war mein Gehör wirklich besser geworden.

Dort, am Ende des Ganges, unterhielt sich offenbar eine Frau mit zwei Männern. Leider konnte ich nichts verstehen, denn sie unterhielten sich auf Tschechisch. Die weibliche Stimme klang allerdings ziemlich aufgeregt und keifte die beiden anderen die ganze Zeit an, die nur leise und mit einem kriecherischen Ton antworteten.

Plötzlich vernahm ich Schritte, die sich von hinten mir näherten. Verdammt! Ich war unaufmerksam geworden. Nun befand ich mich in der Falle. Auf der einen Seite mindestens drei der Bestien, deren Gespräch ich vernommen hatte. Auf der anderen Seite derjenige, zu dem die Schritte gehörten. Ich zog meine SFP9 und entsicherte sie. Dann sprang ich auf und sprintete den Schritten entgegen. Wenn ich den Überraschungsmoment auf meiner Seite hätte, hatte ich vielleicht eine Chance. Als ich eine Sil­hou­et­te im Gang sah, schoss ich. Die Gestalt ging zu Boden, doch sofort danach hörte ich Schritte hinter mir. Als ich die zusammengesackte Gestalt erreichte, sprang ich über sie hinweg. Es war mir ziemlich egal, ob die Bestie tot oder nur verletzt war. Ich musste raus hier und zwar schnell. Im Laufen schoss ich immer wieder nach hinten in den Gang. Mindestens ein Mal musste ich wohl auch getroffen haben, denn ich hörte ein wütendes Jaulen.

Als ich die Stelle meines Abstiegs erreicht hatte, musste ich feststellen, dass mein Seil nicht mehr da war. Ich saß in der Falle… dachte ich zumindest. Wieder fuhr mir dieser Schmerz durch die Hände und ich liess meine Waffe fallen. Mit den Klauen, die ich nun wieder hatte, machte ich mich an den Aufstieg und war erstaunt darüber wie leicht das ging. Ich konnte förmlich in den Beton greifen und auf diese Weise die Röhre einfach hochlaufen. Leider waren meine Verfolger offenbar besser geübt mit ihren Klauen zu klettern und holten schnell auf. Als ich kurz vor dem Ausstieg dicht hinter mir ein Knurren hörte und mich umblickte, war eine dieser Bestien direkt unter mir. Hinter dem Biest konnte ich 2 weitere Gestalten ausmachen. Und die eine davon schien riesig zu sein. Das sah nicht gut für mich aus. Ich trat dem Vieh unter mir mit all meiner Kraft in’s Gesicht, woraufhin es ein bis zwei Meter abwärts rutschte und dadurch seinen Kameraden den Weg versperrte.

Gleich darauf war ich aus der Röhre raus und machte mich für den Kampf bereit. Dummerweise konnte ich mit diesen verflixten Klauen aber meine Ruger nicht benutzen. Mit den dicken Fingern konnte ich den Abzug nicht bedienen und die Waffe stabil zu halten schien mir auch unmöglich. Nur eine Sekunde nach mir, kam der erste Wolfskopf aus der Röhre. Auf seiner Stirn konnte ich die Wunde eines Streifschusses sehen. Reflexartig hieb ich mit einer Klaue direkt in sein Gesicht. Ich hörte das Knacken von Knochen und meine Klaue drang tief in seinen Schädel ein. Er sackte stumm nach hinten, ließ den Rand los und stürzte in die Tiefe. Ich konnte noch hören, wie sein Leib auf die beiden anderen traf und dann am Beton entlang schabte. Ein wütendes Knurren aus der Röhre drang zu mir. Auf die gleiche Weise verfuhr ich auch mit dem nächsten.

„Diese Dinger sind ja doch für was zu gebrauchen.“, dachte ich mir noch, als ein riesiges Exemplar von einem Werwolf wie ein Geschoss aus der Röhre sprang. Ich hatte keine Zeit mehr zu reagieren. Das Vieh stiess mich in seinem Sprung um und kaum hatte es Boden unter den Füßen, stürzte es sich auf mich. Es gelang mir aber, mich schnell zur Seite zu rollen, sonst hätte mich seine Pranke getroffen und mit Sicherheit meinen Brustkorb zerfetzt. Die Rolle nutzte ich um wieder auf die Beine zu kommen und stand nun der Bestie gegenüber.

Ich kenne ja nun einige Werwölfe. Doch ein Exemplar dieser Größe, es hatte mindestens 2,5 Meter, das so dürr war, hatte ich noch nie gesehen. Ausserdem sah es aus, als hätte diese Bestie weibliche Brüste, die allerdings von einem dichten Pelz bewachsen waren. War das die weibliche Stimme, die ich gehört hatte?

Wir umkreisten uns eine Weile lauernd und plötzlich spürte ich den Schmerz, der ankündigte, dass meine Klauen wieder zu normalen Händen wurden. Diesen kurzen Moment der Ablenkung nutzte die Wölfin aus und stürzte sich auf mich. Ich liess mich nach hinten fallen, rollte ab und griff meine Ruger. Das alles geschah in einer Bewegung. Als ich wieder stand, schoss ich, ohne mir die Mühe zu machen zu zielen. Dieses riesige Vieh konnte ich gar nicht verfehlen. Ich erwischte leider nur die Beine und den Bauch, was mit einem wütenden Heulen quittiert wurde. Doch die Wölfin wandte sich von mir ab und sprang mit einem Satz zurück in die Röhre. Ich hörte noch, wie ihre Klauen am Beton entlang kratzten und wie sie unten aufkam. Offenbar hatte sie sich nicht die Mühe gemacht zu klettern sondern ihren Sturz lediglich mit ihren Krallen abgebremst. Als ich ihr noch eine Salve in die Röhre hinterher schickte, war sie bereits verschwunden und ich hörte nur noch ihre eiligen Schritte aus der Tiefe.

Ich verweilte natürlich auch nicht weiter an diesem Ort. Wenn da unten ein ganzes Rudel lauerte und es vielleicht noch andere Ausgänge gab, wollte ich nicht mehr da sein, wenn sie mich suchten. So schnell ich konnte sprintete ich zurück zum Schlosspark und kletterte über den Balkon in mein Zimmer. Das Licht liess ich aus und legte mich noch für etwa eine Stunde hinter einem Fenster auf die Lauer. Vom Schlosspark hatten die Bestien aber offenbar genug für heute und so entspannte ich mich nach einer Weile wieder etwas.

Mittlerweile bin ich wieder zurück in Prag und sitze nun im Ambassador-Hotel. Das Risiko doch noch von den Werwölfen erwischt zu werden wollte ich dann doch nicht eingehen. Ich bin daher gegen Mittag wieder hierher zurückgekehrt. Ich denke nicht, dass ich in Hluboka noch viel finden kann. Vermutlich werde ich auch bald wieder nach Berlin zurückkehren. Die Informationen, die ich brauche, habe ich ja nun, auch wenn ich noch einige davon übersetzen muss.

Das Tagebuch von Jiri hat sich als ergiebiger erwiesen als gedacht. Seit einigen Stunden sitze ich nun wieder daran und habe es jetzt fast fertig übersetzt. Ich habe bereits zwischen den ganzen Texten einige Hinweise auf Händler gefunden, mit denen er Kontakt hatte. Ausserdem einen Hinweis auf eine Nachtwandler-Familie in Berlin, über die er wohl Kontakt zu Michael aufgenommen hatte. Es handelte sich dabei um die Familie von Creuzburg, die ihr Sterblichen vermutlich längst  für ausgestorben haltet. So zumindest kann man es auf euren Internetseiten nachlesen. Ich weiss allerdings, dass Hans von Creuzburg unter den Nachtwandlern einige Berühmtheit erlangte und bis heute immer wieder in Berlin zu tun hat. Dort betreibt er ein Logistik-Unternehmen, mit dem wir Kainskinder bei Bedarf bequem grosse Strecken zurücklegen können. Er besitzt einige Fahrzeuge, die speziell für unsere Bedürfnisse angepasst sind, so dass man in ihnen locker 1-2 Wochen leben kann. Ihn mal wiederzusehen würde bestimmt eine Freude werden. Ich mochte den alten Ritter. Noch heute hält er sich an einen längst vergessenen Ehrenkodex, der ihn zu einem angenehmen, wenn auch etwas schrulligen, Zeitgenossen macht. Ein Grund mehr wieder in meine Heimat zurückzukehren.

Erst einmal werde ich mir aber eine neue Waffe besorgen. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nur eine Maschinenpistole zur Verfügung habe. Die lässt sich so schlecht verbergen. Etwas Handlicheres ist mir daher lieber. Eine gute Gelegenheit nochmal bei Ondrej vorbeizuschauen und mich von ihm zu verabschieden.

Das wird aber bis zum Mittag warten müssen. Denn ich muss unbedingt noch herausbekommen, wie sich das Trinken von Werwolfblut auf uns Nachtwandler auswirkt. Für meine Recherchen habe ich mich in das Intranet meiner Familie eingewählt. Darin ist unsere komplette digitalisierte Bibliothek. Darunter auch einige Tagebücher meiner Vorfahren, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr unter uns weilen, sowie unsere Familien-Chronik. Vielleicht finde ich darin ja den ein oder anderen Hinweis.