In den Tiefen der Erde

Gestern hatte ich mit Nadine telefoniert. Sie ist offenbar gar nicht glücklich darüber, dass sie nun so tief in unsere Familie integriert wird. Ich kenne das, denn es ging mir am Anfang auch so. Ich erzählte ihr daher, wie es mir in meiner Anfangszeit als Nachtwandler ging und versuchte ihr aufzuzeigen, welche Vorteile es hat Teil dieser Familie zu sein. Neben der finanziellen Unabhängigkeit, die man ganz automatisch erhält – auch sie hat mittlerweile eine Konto, auf dem sich genug Geld für ein unbeschwertes Leben befindet – ist auch die Mischung so vieler spezialisierter Charaktere ein großes Plus. Man hat dadurch Zugriff auf Wissen aus ziemlich allen Bereich. Ich denke auch, dass Nadine uns mit ihren Geschichtskenntnissen sehr bereichern wird. Und ein wenig bewundere ich sie auch für dieses enorme Wissen.

In der Nacht begab ich mich zusammen mit Markus wieder zu dem Eingang des unterirdischen Tunnels. Schon als wir in den Tunnel krochen weigerte er sich weiter zu gehen. Er beschwor mich regelrecht umzukehren: „Hier unten wohnt eine uralte Macht. Lass uns bitte nicht weiter gehen. Was hier unten wohnt ist abgrundtief böse!“ Ich antwortete ihm jedoch nur: „Ich denke, dass wir uns als Nachtwandler keine Sorgen um das machen sollten, was gemeinhin als böse bezeichnet wird. Los, komm weiter! Diesen seltsamen Gang musst du einfach gesehen haben.“ Doch irgendwie machte ich mir schon etwas Sorgen. Wenn unser Erzmagier so etwas sagt, sollte man eigentlich auf ihn hören. Doch mich trieb die Neugier weiter. Was war am Ende des senkrechten Schachtes und wer war da unten, der diesen seltsamen Singsang von sich gab?

Als wir an der Treppe ankamen und Markus die Zeichnungen der seltsamen Tintenfische sahen, wurde er bleich und setzte sich erstmal hin. „Wir sollten hier wirklich nicht weiter gehen. Dies ist der Eingang in eine Welt, die selbst wir Kainskinder nicht betreten sollten. Was hier wohnt ist älter als die Menschheit selbst.“ Nunja… das bestätigte natürlich mein Gefühl. Dennoch drängte ich ihn weiterzugehen. Wenn das irgendwas mit dem Kristallschädel zu tun hatte, musste ich einfach wissen, was es damit auf sich hat. „Glaubst du, dass es etwas mit dem Kristallschädel zu tun hat?“, fragte ich nach. „Nein, ganz sicher nicht. Das da unten ist älter als der Gott, den die Menschheit erschuf.“, war seine Antwort. Das machte mich nun doch etwas nachdenklich und ich setzte mich zu ihm auf die Treppe.

Er begann zu erzählen. Und erzählte mir von einer Legende, die er in unserer Bibliothek gelesen hatte. In dieser wurde von Wesen berichtet, die lange vor der Menschheit und selbst vor den Dinosauriern auf der Erde lebten. Damals war die Erde noch ein unruhiger, zu großen Teilen aus Lava bestehender, Feuerball, der durch ständige Erdbeben erschüttert wurde. Die Meere bzw. das Meer gab es damals noch nicht und selbst der Urkontinent, Pangea, war noch nicht existent. Auf den wenigen bereits abgekühlten Teilen der Erde liess sich eine außerirdische Rasse nieder, die sich selbst die Großen Alten nannte. Sie waren, wie wir auch, im Prinzip unsterblich. Doch waren sie weitaus mächtiger als wir. Mit ihren Träumen formten sie die Realität, mit ihrer Technik erschufen sie neue Lebensformen und selbst zu Terraforming waren sie in der Lage. Sie legten den Ursprung der Erde in ihrer heutigen Form. Sie erschufen die Meere, indem sie mittels Terraforming Wasser entstehen liessen und damit die Erde abkühlten. Auch erschufen sie die Tiere und Pflanzen, die ihnen als Nahrung dienten. Der Legende nach erschufen sie sogar die ersten Menschen und hielten sie sich als Diener. Doch machten sie beim Menschen den Fehler, dass sie ihm einen freien Willen gaben, der dazu führte, dass die Menschen gegen sie aufbegehrten. Das führte zu einem Krieg zwischen den Urmenschen und den Großen Alten, in dessen Verlauf sie in unterirdische Höhlen vertrieben wurden. Und eine dieser Höhlen betraten wir nach Ansicht von Markus gerade. Auch berichtet diese Legende, dass wir Kainskinder gar nicht von Kain erschaffen wurden sondern als Waffe der Großen Alten gegen die Menschheit. Markus wusste allerdings nicht, ob das bedeutet, dass wir dem Willen dieser Wesen unterstehen würden.

Meine Neugier war natürlich dadurch erst recht geweckt. War ich unbeabsichtigt etwa auf der Spur des wahren Ursprungs von uns Nachtwandlern? Das wäre in unserer Gesellschaft eine absolute Sensation! Ich drängte ihn daher dem Weg weiter zu folgen. Was waren diese Großen Alten für Wesen? Waren sie es, die den Ursprung des Singsangs bildeten? Wir folgten daher der Treppe und erreichten wieder den Punkt, an dem ich nicht mehr unterscheiden konnte ob ich nun eine Treppe hinauf oder hinab stieg. Auch Markus machte mich darauf aufmerksam und erwähnte dabei eine „verbotene Geometrie“, die auch in der Legende erwähnt wurde. Angeblich waren alle Behausungen der Großen Alten in dieser Geometrie erschaffen. Dennoch zeigte er sich sehr fasziniert von den Zeichnungen, die die Wände rund um die Treppe zierten. Einige davon malte er sogar ab, wodurch wir immer wieder Pausen einlegen musste. Diese Pausen machten mir mehr zu schaffen als das hinauf- beziehungsweise hinabsteigen der Treppe selbst. Immer wenn wir stehen blieben, hatte ich das Gefühl jeglichen Richtungssinn zu verlieren. Teilweise konnte ich nicht mal mehr unterscheiden wo unten und oben war und hatte das Gefühl ich würde auf dem Kopf stehen. Umso mehr wurde mir klar, warum Markus dies als verbotene Geometrie bezeichnete. Die Gesetze der Mathematik und Physik würden dies gar nicht zulassen.

Wir folgen also der Treppe bis zur Höhle, wobei wir immer wieder Pause einlegten damit Markus seine Notizen vervollständigen konnte. Er bestätigte mir, dass auch er immer mehr die Orientierung verlor und die letzten Meter vor der Höhle starrte er zwar immer wieder einige der Wandzeichnungen an, bekam es aber nicht mehr auf die Reihe sie in sein Notizbuch zu übertragen. Er versuchte es zwar noch einige Male zitternd, gab aber dann doch auf.

In der Höhle machten wir etwa eine Viertel Stunde Pause. Zumindest kam es mir so vor. Danach ging es uns leidlich besser. Dann erst gingen wir weiter in den hinteren Teil. Markus weigerte sich jedoch mit mir in den Schacht zu steigen. Und bei genauerer Betrachtung stellte ich fest, dass dies auch gar nicht möglich war. Einer musste oben am Schacht bleiben und das Seil halten, denn ich konnte absolut nichts finden, wo ich das Seil hätte festmachen können.

Als ich mich an den Abstieg machte, hatte ich das Gefühl, dass der Singsang bereits lauter wurde, bevor ich überhaupt in den Schacht kletterte. Markus war sein Unwohlsein anzusehen. Da er bereits etwas älter ist als ich, hätte ich nicht gedacht, dass er so ängstlich sein würde. Aber vermutlich bin ich durch meinen Job einfach nur etwas abgebrühter als er. Ich hatte in meinem Leben bereits viel gesehen, von Geistern über die verschiedenen Formen von Gestaltwandlern bis hin zu diesen Schattenwandlern.

Ich hatte 50 Meter Seil dabei und musste leider feststellen, dass der Schacht tiefer war. Dummerweise bin ich noch immer nicht darin trainiert meine Klauen bewusst auszufahren. In dem Moment wünschte ich mir Kilian wäre mit in den Irak gekommen. Aber er ist einfach zu wichtig für die Geschäfte unserer Familie und wird momentan auch für Nadines Ausbildung in Berlin benötigt.

Aber in Hluboka hatte es ja mit dem Fallen auch geklappt und so liess ich es einfach darauf ankommen und liess mich fallen. Wie ich nachher wieder hoch kam, wollte ich mir später überlegen, wenn es soweit war. Und meine Hoffnung wurde auch nicht enttäuscht. Allerdings bot dieses Gestein kaum Halt und es dauerte etwa 2 Sekunden bis ich halt fand. Ich war also nochmal circa 10 bis 20 Meter gefallen. Aber noch immer konnte ich unter mir keinen Boden sehen. Vorsichtig kletterte ich weiter nach unten. Auf diese Weise legte ich noch mindestens 30 Meter zurück. Meiner Schätzung nach musste ich also mittlerweile etwa 100 Meter unter der Höhle sein. Und wie tief die lag, wusste ich immer noch nicht.

Unten angekommen befand ich mich in einem weiteren Gang. Ich kann absolut nicht sagen, aus was für einem Material er war. Es fühlte sich an wie Kunststoff, war schwarz und in seltsamen Wellen geformt. Insgesamt war der Gang am ehesten als Oval zu bezeichnen, doch die Wellen in den Wänden liessen die Konturen ziemlich verschwimmen. Da auch der Boden aus diesen unregelmässigen Wellen geformt war, konnte ich mich nur mühsam fortbewegen. Ich musste quasi von Wellenkamm zu Wellenkamm balancieren. Das glatte Material sorgte dafür, dass ich immer wieder abrutschte.

Ausserdem war es da unten ziemlich feucht und warm und der Singsang erreichte langsam eine ohrenbetäubende Lautstärke. Auch der sumpfige Geruch da unten war ziemlich unangenehm. Vor allem die Feuchtigkeit verwirrte mich. Über der Erde war alles staubtrocken und hier unten hatte man das Gefühl durch einen Dschungel zu laufen. War ich in der Nähe des Grundwasserspiegels oder woher kam das Wasser?

Als ich bereits umkehren wollte, weil der Gang kein Ende zu nehmen schien und der Singsang immer lauter mein Gehör malträtierte, sah ich wieder diesen grünen Schimmer, den ich bereits aus der Höhle kannte. Also ging ich trotz des ohrenbetäubenden Lärms vorsichtig weiter. Oder besser gesagt ich kroch weiter. Schliesslich wollte ich nicht riskieren gesehen zu werden.

Was sich mir allerdings für ein Anblick bot, war sogar für mich etwas neues. Vor mir tat sich eine Höhle auf, die aus dem gleichen Material bestand wie der Gang, durch den ich gerade kam. Auch dort waren an den Wänden diese seltsamen grün leuchten Moospflanzen. Allerdings bewegten sie sich in dieser Höhle tatsächlich. Sie bildeten diese seltsamen Tintenfischwesen, die ich bereits an den Wänden bei der Treppe und der ersten Höhle gesehen hatte. Allerdings bewegten sie hier ihre Tentakel. Mir war völlig unklar, wie sich das Moos bewegen konnte.

Doch mein Blick wanderte weiter zur Mitte der Höhle, wo die Quelle des Singsangs zu sehen war. Um eine sich ständig bewegende Masse, die sich in einer leicht abschüssigen Kuhle befand, saßen seltsam gedrungene, fast kugelförmige, Wesen, über deren Haut ein schwarzer Schleim floss, der unablässig von ihnen herab tropfte. Diese Masse in der Mitte schien den Schleim zu absorbieren. Diese Sumpfwandler, wie ich sie intuitiv bezeichnete, hatten winzig kleine Gliedmaßen. An dem, was ich für ihre Köpfe hielt, Augen konnte ich keine ausmachen, waren trompetenförmige Fortsätze, aus denen dieser Singsang zu kommen schien. Bei genauerer Betrachtung hatte ich sogar das Gefühl, dass das formlose Wesen in der Mitte sich im Takt des Gesangs zu wiegen schien.

Umwabert wurde dieses ganze Szenario von einem seltsamen Gefühl von Alter. Ich kann es einfach nicht beschreiben. Ich hatte das Gefühl etwas zu betrachten, das uralt war, älter als die Menschheit, vielleicht sogar älter als die Welt selbst.

Mir reichte, was ich dort gesehen hatte und ich kroch vorsichtig zurück. Bevor ich nicht wusste, was das für Viecher waren, wollte ich kein Risiko eingehen. Sie sahen zwar harmlos aus, aber diese Masse in der Mitte der Höhle schien irgendwie auch lebendig und sie war groß, sehr groß. Ich schätzte sie auf einen Umfang von 8 Metern und etwa die gleiche Höhe. Wenn man von diesem Ding niedergewalzt wurde, hatte man sicherlich keine Überlebenschance.

Als ich wieder an dem senkrechten Schacht ankam, versuchte ich mich dort irgendwie festzuhalten. Natürlich funktionierte das nicht. Was hatte ich auch erwartet. Dennoch versuchte ich es nochmal. Schliesslich sprang ich so weit es mir möglich war nach oben, wobei ich die Kraft meines Blutes einsetzte. So erreichte ich etwa 5 Meter Höhe. Als ich mich versuchte festzuhalten, spürte ich den vertrauten Schmerz in meinen Händen und fand endlich Halt. Langsam kletterte ich nach oben und die ganze Zeit folgte mir dabei der Gesang dieser Sumpfwandler. Selbst als ich beim Ende des Seils angekommen war, kletterte ich mit Hilfe meiner Klauen weiter. Entsprechend überrascht war Markus, als mein Kopf plötzlich über dem Rand auftauchte.

Als ich ihm in Kurzform erzählte, was ich da unten gesehen hatte, schien seine Angst noch größer zu werden. Er zog mich regelrecht zur Treppe und wir rannten gemeinsam so schnell wir konnten nach oben.

Bereits als wir den Gang erreichten, hörten wir von draußen Schüsse. Fast zeitgleich aktivierten wir die Kraft unseres Blutes und rasten mit der so erhöhten Geschwindigkeit durch den Gang. Wir sprangen förmlich durch das Loch, das den Ausgang bildete und ich rollte gleich weiter in Deckung. Glücklicherweise war auch Markus geistesgegenwärtig genug sofort in Deckung zu gehen. Ich deutete ihm in Deckung zu bleiben und schlich davon in Richtung unseres Lagers, von wo auch die Schüsse kamen. Ich hörte noch, wie Markus hinter mir irgendetwas zu murmeln begann, konnte mich aber nicht mehr darum kümmern.

Als ich unser Lager sehen konnte, sah ich auch Mündungsfeuer, das aus Richtung der Ruinen kam. Ich blieb daher in Deckung und steuerte auf das mir nächstgelegene zu. Leise schlich ich mich an den Schützen an, der offenbar unser Lager unter Beschuss nahm. Ich griff ihn mir von hinten und liess es mir erstmal schmecken. Als er leer war, griff ich mir seine Waffe und ging weiter zum nächsten. Auf diese Weise erledigte ich 5 weitere, was mir eine ziemliche Übersättigung einbrachte. Plötzlich stiegen aus der Richtung, in der sich Markus befinden musste, eine Art Leuchtraketen auf. Diese sanken allerdings nicht langsam zu Boden sondern blieben in der Luft. Und so erleuchteten sie fast das gesamte Ausgrabungsareal. Augenblicklich hörten die Schüsse auf und es waren nur noch ein paar letzte Schüsse im Lager zu hören. Ich sprang von Deckung zu Deckung und bewegte mich so auf das Lager zu. Unterwegs traf ich auf Markus, der mittlerweile die gleiche Richtung eingeschlagen hatte.

Glücklicherweise erkannte uns einer der Scharfschützen von Academi, als wir in Sichtweite waren und er rief uns zu sich. Wir spurteten, diesmal ohne Blutmagie, in’s Lager zurück und erhielten dort eine kurze Instruktion. Offenbar hatten einige Räuber versucht das Lager zu überfallen, hatten aber nicht damit gerechnet, dass wir so gut ausgestattet waren und von Söldnern unterstützt wurden. Die Leuchtraketen, für die uns die Söldner sehr dankten, hatten sie dann wohl endgültig vertrieben.

Und nun habe ich wieder jede Menge zu recherchieren, was über die schlechte Mobilfunk-Verbindung alles andere als einfach ist. Markus ist aktuell nicht ansprechbar und zeichnet schon den ganzen Tag irgendwelche mystischen Zeichen rund um das Lager, während er irgendwelche Bannformeln murmeln. Das ist extrem ungünstig, aber er wird seine Gründe dafür haben. Ich würde jedenfalls gern mit ihm sprechen, denn er scheint zu wissen, was das für Wesenheiten da unten in der Höhle waren. Ich bin gespannt, was er mir zu erzählen hat. Bevor ich nicht mehr weiss, werde ich da jedenfalls nicht wieder runter gehen. Somit bleibt mir momentan nichts anderes übrig als hier im Lager zu hocken und abzuwarten bis Markus mit seinem Teil der Arbeit fertig ist.

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