Zauber des Orients

Der Irak… ein vom Krieg gebeuteltes Land. Die Menschen hier geben sich alle Mühe ein normales Leben zu führen. Doch bereits vor dem Krieg hatten sie hier wenig. Nun haben sie zu dem Wenigen noch Angst hinzu bekommen. Fährt man durch große Städte wie Bagdad, wo unser Jet gelandet ist, muss man immer wieder Kontrollposten des Militärs passieren. Auf unserer Tour nach Hilla gab es auch immer wieder Kontrollen, teils vom Militär und teils von irgendwelchen Clans.

Insgesamt finde ich das Land eher unangenehm. Auch wenn man hier mit relativ kleinen Bestechungen alles erreichen kann, nervt mich die grelle Sonne. In Berlin kann man sich immer irgendwo in den Schatten begeben. Hier ist das nicht möglich und es kostet viel Energie sich den Strahlen des Feuerballs zu widersetzen. Entsprechend hoch ist mein Bedarf an Blut. Doch das ist hier gar nicht so einfach zu bekommen. Man kann hier viele Kilometer über’s Land fahren ohne auch nur einer Seele zu begegnen.

Da ich mir in Bagdad einige Söldner engagiert hatte, kann ich auch nicht einfach jene als Nahrung verwenden, die mir begegnen, damit ich von den Soldaten nicht beim Trinken gesehen werde. Aber wenn wir jemandem außerhalb der Ortschaften begegnen, ist der meist allein unterwegs.

Die Nächte hier sind ziemlich gefährlich. Zum einen ist die Kriminalitätsrate hier ziemlich hoch. Das ist bei der Armut hier auch nicht verwunderlich. Zum anderen kommen dann diverse Extremisten aus ihren Löchern und mit einem „westlichen Aussehen“ läuft man hier Gefahr gekidnappt zu werden. Nicht, dass ich mir deswegen große Sorgen machen würde. Aber ich will hier ja auch nicht unbedingt eine Blutspur hinterlassen.

Nach meiner Ankunft in Hilla hatte ich mir daher 3 Hubschrauber von den Söldnern organisiert. Die Leute von Academi sind erstaunlich gut ausgestattet. Selbst bei solchen ausgefallenen Wünschen können sie mit der notwendigen Technik aufwarten. Und irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass sie ganz froh waren, dass wir nicht vorhatten Babylon mit Fahrzeugen anzusteuern.

Anfangs wurde uns sogar eine Besichtigung der Ausgrabungsstätten verweigert. Nachdem ich aber einige Tausend Dollar in die richtigen Kanäle fliessen liess, wurde uns sogar eine Genehmigung für ein Camp direkt neben den Ruinen erteilt. Unser ortskundiger Führer Laith hatte mir die richtigen Hinweise gegeben wen ich bestechen musste. Und die Jungs von Academi haben dafür gesorgt, dass die richtigen Stellen vom US-Militär auch ihr Einverständnis gaben.

Nun sitzen wir hier in unserem Camp direkt neben den Ruinen von Babylon. Tagsüber ist Markus immer in den Ruinen unterwegs und untersucht diese mit Hilfe von Pendeln, Wünschelruten und einigen High-Tech-Instrumenten, die er selbst gebaut hat. Bisher konnte er aber noch keine Hinweise auf relevante Ley-Linien unter den Tempelgebäuden entdecken. Ein Archäologen-Team, das hier unter Militärschutz zugange ist, belächelt uns immer mitleidig, wenn wir unsere Untersuchungen machen. Wenn sie wüssten, was wir wissen, würden sie vermutlich nicht mehr so geringschätzig sein. Aber immerhin liefern sie mir eine willkommene Nahrungsquelle und ich habe ihren Zelten in der Nacht schon so einige Besuche abgestattet. Ansonsten treiben sich hier in der Gegend aber auch ab und an ein paar Nomaden herum, die mir als Nahrungsquelle dienen können.

So langweilig die Tage auch für mich sind, so spannend sind die Nächte. Bereits in unserer ersten Nacht hier habe ich einen seltsamen Singsang aus Richtung der Ruinen gehört. Ich konnte aber nirgendwo einen Lichtschimmer ausmachen und selbst die genaue Richtung konnte ich nicht lokalisieren. Die anderen aus meiner Familie haben es auch bemerkt. Seltsamerweise scheinen die Sterblichen in unserer Gruppe aber nichts davon zu bemerken. Als ich Laith einmal darauf angesprochen hatte, meinte er, dass ich wohl einen Dschinn gehört hätte. Ich solle seinen Rufen nur nicht folgen, weil mich das in meinen Untergang führen würde. Er erzählte mir auch, dass die Dschinn hier in der Gegend besonders gefährlich seien, da sie aus einer Zeit stammen, bevor Mohammed den Menschen die Worte Gottes überbrachte. Sie wüssten daher nichts über den Koran und würden entgegen den Gesetzen leben. Er beteuerte mir allerdings, dass Allah mich schützen würde, wenn ich den wahren Glauben annehmen würde. Wenn er wüsste, was ich wirklich bin, würde er in seinem Aberglauben vermutlich sofort wegrennen und den halben Irak benachrichtigen, damit man uns jagt. Ich vermute, dass es Nachtwandler hier nicht besonders leicht haben.

Ich durchstreifte seitdem in den Nächten die Ruinen auf der Suche nach der Quelle des Gesangs. Letzte Nacht stiess ich dann auf ein Loch unter einer Ruine, aus dem der Singsang zu kommen schien. Natürlich wollte ich wissen, was da unten vor sich ging und kletterte hinein. Doch kaum war ich hinein gekrabbelt, überkam mich ein seltsames Gefühl, das mich an Furcht erinnerte. Es war wie ein Druck auf meiner Brust, der sich auch noch immer weiter verstärkte je weite ich dem Gang folgte, der sich hinter dem Loch befand. Irgendeine fremde Magie lag hier in der Luft und das Alter des Ganges war förmlich greifbar. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich durch einen Gang bewegte, der schon lange vor Babylon existierte.

Nach etwa 20 Metern ging der Gang, der mit schwarzen Granitplatten verkleidet war, in eine Treppe über, die tiefer in die Erde führte. Zumindest vermute ich, dass es Granit war, aus dem die Wände gebildet wurden. Die Treppe selbst war aus Sandstein gefertigt und durch viele Füße hatten sich bereits Kuhlen in den Stufen gebildet. Doch auch hier bestanden die Wände weiterhin aus diesem schwarzem Granit. Allerdings waren sie mit dem Beginn der Treppe mit seltsamen weißen Zeichnungen verziert. An manchen waren auch Keilschrift-Texte. Was hätte ich dafür gegeben, wenn Nadine mit uns gekommen wäre. Doch zum einen hatte sie noch viel zu lernen, zum anderen hielten meine Mutter und ich es für keine gute Idee eine Frau mit ihrem Aussehen mit in den Irak zu nehmen. So blieben mir nur die Zeichnungen, aus denen ich irgendwie keine hilfreichen Schlüsse ziehen konnte. Viele von ihnen stellten geflügelte Wesen dar, wie man sie in Babylon häufiger abgebildet fand. Es waren die besagten Dschinn, von denen Laith erzählt hatte, so eine Art Naturgeister der Babylonier.

Je weiter ich die Treppe hinab stieg, umso zahlreicher wurden die Zeichnungen und umso absurder. Ich sah Abbildungen von Menschen, die um eine Art Tintenfisch herum zu tanzen schienen. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass sich die Zeichnungen am Rand meines Blickfelds bewegten. Schaute ich dann jedoch wieder direkt hin, bewegte sich dort nichts. Deswegen ordnete ich diese Wahrnehmung eher meinem wachsenden Unwohlsein hier unten zu. Ich kann auch nicht sagen wie lange ich auf dieser Treppe hinabstieg. Bereits konnten meine für die Nacht geschaffenen Augen das obere Ende der Treppe nicht mehr erkennen.

Trotz der Beklemmung in meiner Brust ging ich weiter und folgte dem Gesang. Er schien hier tatsächlich langsam lauter zu werden. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass die Treppe wieder aufwärts führte. Drehte ich mich dann jedoch um, sah ich hinter mir die aufwärts führenden Stufen. Was für eine seltsame Geometrie war das? Ich stieg eindeutig Stufen hinauf, doch sie führten mich nach unten. Irgendwann konnte ich nicht einmal mehr die Form des Ganges genau bestimmen. Tastete ich an seinen Wänden entlang, schienen sie weiterhin senkrecht zu sein. Doch schaute ich in den Gang hinein, hatte ich das Gefühl als würden sich die Wände Meter für Meter immer weiter in den Tunnel neigen.

Mein Orientierungssinn war natürlich mittlerweile völlig hinüber. Weder konnte ich sagen wie tief ich mittlerweile unter der Erde war, noch wusste ich, wie weit ich dem Gang bereits gefolgt war. Das GPS von meinem Handy konnte mich auch nicht mehr lokalisieren. Als mich bereits ein leichtes Schwindelgefühl überkam, das ich der Orientierungslosigkeit zuordnete – schliesslich wusste ich mittlerweile kaum noch wo unten und oben war – sah ich das Ende der Treppe und dort einen leichten grünlich leuchtenden Schimmer. „Die paar Meter schaffe ich nun auch noch.“, dachte ich bei mir und stieg so leise wie es mir möglich war weiter die Treppe hinab (oder hinauf, je nachdem wie man es sehen will).

Unten endete der Gang abrupt und ging in eine Höhle über, deren Wände zum Teil mit einem phosphoreszierenden Moos bewachsen waren. Bemerkenswert daran war, dass auch dieses Moos Zeichnungen zu bilden schien. Sie waren nur um vieles größer als in dem Gang. Und sie stellten fast ausschliesslich diese seltsamen Tintenfische mit menschlichen Gesichtern dar. In der Höhle war der Gesang nun besonders deutlich zu hören, auch wenn ich noch immer nicht ausmachen konnte, wer ihn verursachte. Er schien aber aus allen Richtungen zu kommen, als würde er von dem leichten Luftzug, der dort unten zu spüren war, mit sich getragen.

Ich konnte mir allerdings nicht erklären, woher dieser Luftzug kam und durchsuchte die Höhle daher nach einem zweiten Ausgang. Den fand ich dann auch fast genau gegenüber der Treppe. Allerdings entpuppte er sich als senkrechter 5-eckiger Schacht, der weiter in die Tiefe führte. Da bereits beim Hineinblicken das beklemmende Gefühl, das mich noch immer nicht loslassen wollte, drastisch stärker wurde, entschied ich mich dagegen diesen auch noch zu erkunden… zumindest nicht allein.

Auf meinem Rückweg lief ich immer schneller und schneller. Ich kann nicht einmal erklären warum. Doch manchmal hatte ich das Gefühl hinter mir Schritte zu hören, die sich seltsam platschend anhörten, so als würden Frösche auf die Treppen springen. Ich war heilfroh, als ich nach scheinbar endlosem Rennen das Ende der Treppe erreichte und kurz darauf aus dem Loch wieder an die Oberfläche kroch. Doch ich rannte noch weiter und machte erst in unserem Lager halt, wo ich mich sofort in mein Zelt begab. Dort konnte ich dann endlich wieder durchatmen.

Ich habe absolut keine Ahnung, was für eine Art von Magie dort unten wirkt. Doch wenn es auch nur irgendetwas mit dem Kristallschädel zu tun haben kann, dann muss ich herausbekommen, was da unten los ist und wodurch dieser Singsang verursacht wird. Ich werde daher heute noch Rücksprache mit Markus halten und mal sehen, was er dazu zu sagen hat. Vielleicht folgen wir mit den Ley-Linien ja einfach der falschen Spur.

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