Schatten in der Nacht

Nun hattet ihr ein paar Tage Ruhe von meinen Texten. Ich hatte diese Ruhe leider nicht. Zum einen muss ich mich darum kümmern, dass Nadine all das Wissen über unsere Gesellschaft erhält, das sie benötigt um in ihr zu bestehen. Es erstaunt mich, wie wenig ihr Sterblichen über uns wisst. Die „Regeln des Verbergens“ scheinen erstaunlich gut zu wirken. Ich verliere da sehr schnell den objektiven Blick, weil ich zumeist mit Nachtwandlern zu tun habe, die sich nicht an diese Regeln halten. Zum anderen muss ich natürlich in meinen Ermittlungen um den Mord an den drei Nachtwandlern vorankommen.

Wie bereits angekündigt, hatte ich Hans von Creuzburg in den letzten Tagen aufgesucht und ich muss sagen, dass sich das tatsächlich gelohnt hat. Ich erzählte ihm von den aufgeschnittenen Rücken aller Opfer in meinem Fall und konnte beobachten, wie sein bleiches Gesicht noch bleicher wurde, was ich fast schon für unmöglich gehalten hatte. Er verkörpert das, was ihr Sterblichen als klassischen Vampir bezeichnen würdet. Er ist blass als hätte er kein Blut, trägt prinzipiell schwarze Kleidung, zumeist eine Hose aus Seide und ein Rüschenhemd aus dem gleichen Material, und ist ein wenig exzentrisch. Als ich meine Beschreibung der Opfer beendet, liess er sich schwer in seinen Sessel fallen und starrte mich eine Weile entsetzt an. „Die Schattenwandler sind zurück!“ flüsterte er in beschwörendem Ton. „Lass die Toten ruhen, oder es wird ein schlimmes Ende mit dir nehmen und du wirst dich zu ihnen gesellen. Sie töten Unsereins ohne Gnade.“

Schattenwandler? Davon hatte ich ja noch nie etwas gehört. Und so hakte ich nach. Ich erfuhr von ihm, dass sie ihren Namen daher haben, dass sie gänzlich aus Schatten zu bestehen scheinen. Lediglich ihre goldenen raubtierähnlichen Augen stechen aus ihren Konturen hervor. Ihre Opfer zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit aufgeschnittenen Rücken aufgefunden werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Sterbliche, Nachtwandler, Werwölfe oder sonstige Lebewesen handelt. Mit ihren Krallen können sie selbst immaterielle Wesen töten und Nachtwandlern Verletzungen zufügen, die diese erst nach Stunden und unter Einsatz von sehr viel Energie heilen können.

Mehr konnte mir von Creuzburg allerdings auch nicht zu ihnen sagen. Ich wurde aber das Gefühl nicht los, dass er mehr wusste, mir aber lediglich nicht mehr verraten wollte. Es steht mir aber nicht zu einen so alten und ehrenhaften Nachtwandler einer Befragung zu unterziehen, wenn er nicht im Verdacht steht eine Straftat begangen zu haben. Daher liess ich es dabei bewenden. Nun hatte ich wenigstens ein Stichwort, nach dem ich suchen konnte.

Ich wendete mich wieder einmal unserer Familienbibliothek zu, in der Hoffnung dort mehr über diese Wesen erfahren zu können. Und die Suche war auch äußerst ergiebig. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Nadine fasziniert von unserer Bibliothek war. Das ist durchaus verständlich, denn selbst die größten Bibliotheken dieser Welt können es nicht mit dieser aufnehmen.

Ich fand einige sehr alte Schriften, die im frühen Mittelalter von Mönchen kopiert wurden. Aus diesen erfuhr ich, dass die Schattenwandler einstmals von Satan auf die Erde geschickt wurden um zu verhindern, dass die Menschen mit Gott kommunizieren können. Ihr Auftrag ist, Gottes Wort auf der Welt zu unterbinden, wo immer es möglich ist. Das erklärt natürlich auch, warum sie ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Kristallschädel auftauchen. Was es allerdings nicht erklärt, ist die Tatsache, dass diese Wesen so drastisch gegen Nachtwandler vorgehen, wo wir doch alle von Gott verstoßen wurden.

Ich wurde langsam das Gefühl nicht los, dass ich versuchen musste, den Kristallschädel zum Sprechen zu bringen. Daher erwarb ich in einer einsamen Gegend in den Karpaten ein Baugrundstück, mit dem Plan, dort die in den sumerischen Tafeln beschriebene Kammer nachzubauen. Die Lösung dieses Falles wird wohl ein ziemlich teures Unterfangen.

Neben meinen Planungen für diesen Bau kümmerte ich mich natürlich um die Ausbildung von Nadine. Ich zeigte ihr das „Elysium“ und stellte sie dort einigen wichtigen Persönlichkeiten unserer Gesellschaft vor. Auch unterwies ich sie in den „Regeln des Verbergens“ und lehrte sie bereits einige Grundlagen in der Anwendung der Blutmagie, so dass sie diese bei ihrer Jagd nach Nahrung einsetzen kann.

Ich musste allerdings auch feststellen, dass sie mit der sexuellen Freizügigkeit in unserer Gesellschaft wohl noch einige Probleme hat. Vermutlich hatte sie sich erhofft, dass sie meine einzige Partnerin sei. Dass dem nicht so ist, erfuhr sie, als wir einige Stunden bei Lydia verbrachten, die natürlich versuchte sie in ein gemeinsames Liebesspiel einzubinden, was ihr aber misslang. Nadine war davon sichtlich nicht begeistert, wobei ich ziemlich sicher bin, dass es vor allem daran liegt, dass sie mich für sich allein haben will. Mich amüsierten die Annäherungsversuche von Lydia jedenfalls sehr.

Doch warum ich diesen Artikel eigentlich schreibe, sind die folgenden Ereignisse. Meine erste Begegnung mit einem dieser Schattenwandler. Oder dem Schattenwandler? Sicher kann ich mir da noch nicht sein. Ich hoffe allerdings, dass nur einer von denen für den Kristallschädel verantwortlich ist.

Ich war gerade auf der Jagd und hatte eine junge Frau als Opfer auserwählt, die allein von ihrem Arbeitsplatz in einer Bar heimkehrte. Ich folgte ihr heimlich indem ich über ihr von Balkon zu Balkon sprang. Oh, wie schön arglos sie war.

Doch als ich gezwungen war zu einem Dach hochzuklettern, sah ich plötzlich ein golden leuchtendes Paar Augen über mir. Langsam, als seien sie sich ihrer Beute sicher, bewegten sie sich auf mich zu. Je näher sie kamen umso mehr konnte ich auch schattenhafte Konturen gegen den Nachthimmel ausmachen. Sie erinnerten mich stark an einen Gargoyle. Ich schwang mich natürlich sofort nach unten und fing meinen Fall an einem Fenstersims auf. Doch das Wesen sprang einfach in meine Richtung, als würde es sich auf ebenem Boden bewegen.

„Schatten lassen sich mit Licht verdrängen“, fuhr es mir durch den Kopf. Ich griff daher nach meine Taschenlampe und leuchtete in Richtung des Wesens. Dummerweise hatte ich damit keinen Erfolg. Ich erreichte lediglich, dass ich nun die Konturen sehr klar erkennen konnte. Lange Krallen gruben sich in den Putz des Hauses und fledermausartige Flügel erstreckten sich mit einer Spannweite von mehr als zwei Metern über seinem Rücken. Doch ich konnte keinerlei Gesichtszüge sehen. Das Ding schien eine einzige schattenhafte Masse zu sein, die lediglich aus Konturen bestand.

Das Wesen sprang auf mich zu und ich liess mich einfach fallen. Meinen Fall bremste ich mit der Kraft der Levitation ab. Glücklicherweise war in der ganzen Straße niemand zu sehen. Ich machte mich daher zu einem Kampf bereit und drückte die Notfalltaste an meinem Telefon. Diese sendet automatisch meine Position an die Nachtwache meiner Familie und mobilisiert eine kleine Armee. Leider dauert es erfahrungsgemäß ein paar Minuten, bis die Ersten zur Unterstützung eintreffen.

Ich zog meine Waffe und schoss… absolut ohne Erfolg. Die Kugeln schienen durch das Wesen einfach hindurchzugehen. Was hatte ich auch erwartet… dass man einen Schatten erschiessen kann? Hier konnte mir scheinbar nur die Flucht helfen. Ich mobilisierte daher die Kraft meines Blutes und bewegte mich mit maximaler Geschwindigkeit von dem Wesen weg.

Umso erstaunter war ich, als das golden leuchtende Paar Augen plötzlich vor mir auftauchte. Konnten sich diese Wesen etwa noch schneller bewegen als wir? Das dürfte eigentlich fast unmöglich sein, denn bereits die Bewegungen von uns Nachtwandlern können von Sterblichen kaum wahrgenommen werden.

Ich bremste abrupt ab und sprang zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, wie ich sofort merkte als ein klauenbewehrter Schatten dicht an meinem Kopf vorbei fuhr. Meine Gedanken rasten. Welche Optionen blieben mir? Mit silbernen Geschossen konnte ich nichts ausrichten. Ein Nahkampfangriff schien mir noch aussichtsloser, selbst wenn ich meine Klauen einsetzen würde. Dieses Wesen hatte einfach keine Substanz, die ich angreifen konnte. Doch da durchfuhr es mich wie ein Blitz. Der einzige Teil, der offenbar nicht aus Schatten bestand, waren die Augen. Meine Augen durchsuchten die Nacht nach dem Wesen, doch ich konnte nichts entdecken. Wo war das Ding abgeblieben? Da hörte ich ein leises Rascheln über mir. Ich liess mich fallen und rollte zur Seite. Wieder war das Glück auf meiner Seite. Wo ich gerade noch gestanden hatte, stand nun der Schattenwandler und fixierte mich mit seinen goldenen Augen. Siegessicher bewegte er sich langsam auf mich zu. Ich zog meine Waffe und noch während ich mich weiter rollte, schoss ich auf eines der Augen. Ein Schrei, der wie einer sterbende Sirene klang, hallte durch die Straße.

Fast sofort gingen in diversen Fenstern die Lichter an. Ich drückte mich in einen der Hauseingänge um nicht gesehen zu werden und suchte nach dem Schattenwesen. Es war verschwunden, als hätte es sich einfach in Luft aufgelöst. Dennoch fühlte ich mich unwohl. Hier im Schatten stehen war nach diesem Kampf irgendwie unangenehm. Wer sagte mir denn, dass der Schatten, in dem ich stand, nicht das Wesen war? Aber vermutlich hätte es mich dann sofort getötet. Und so beruhigte ich mich langsam wieder.

Es vergingen noch etwa 2 Minuten, als endlich ein schwarzer SUV durch die Straße fuhr. Ich erkannte das Nummernschild sofort und während er an mir vorbeifuhr, trat ich aus dem Schatten, beschleunigte, riss die Tür auf und sprang hinein. Markus, der am Steuer saß, beschleunigte sofort und fuhr in Richtung unserer Firmenzentrale. Kilian, der hinten saß, erkundigte sich nach meinem Befinden und als er feststellte, dass ich unverletzt war, sah man ihm seine Erleichterung an.

Zu Hause wartete meine Mutter im Morgenmantel in meiner vorübergehenden Wohnung. Sie hatte wohl mitbekommen, welche Daten ich aus der Familienbibliothek abgerufen hatte und so war ihre erste Frage: „War es einer der Schattenwandler?“ Ich nickte. „Und nun weiss ich auch, wie man sie bekämpfen kann.“ Diese Antwort brachte einen Ausdruck der Verwunderung auf ihr Gesicht, den ich dort noch nie gesehen hatte. „Du weisst, wie man Schattenwandler tötet?“, fragte sie nach. „Nein, aber ich weiss, wie man sie sich vom Leib halten kann. Ob man sie so auch töten kann, muss ich erst noch testen.“ Dann erzählte ich ihr im Detail, was ich erlebt hatte. Sie befahl mir, dass ich in nächster Zeit meine Untersuchungen nicht ohne Bodyguards weiterführen darf. Dafür ordnete sie mir 4 unserer besten Scharfschützen zu. Sie wollte sichergehen, dass diese auch in der Lage sind golden leuchtende Augen in der Nacht zu treffen.

Nun durchstreife ich die Nächte in der Hoffnung, dass sich der Schattenwandler wieder an mich heranwagt. Die Tage nutze ich um zusammen mit Nadine die Rekonstruktion der Kammer zu planen, in der der Kristallschädel sprechen soll. Wir sind da beide ziemlich penibel und versuchen sogar die gleichen Baumaterialien aufzutreiben, die in Babylon verwendet wurden. Das ist gar nicht so einfach, denn einige der Steinbrüche, aus denen die Steine dort kamen, werden gar nicht mehr bewirtschaftet. Und Nadine muss sich ziemlich tief durch Schrifttafeln wühlen um überhaupt erst herauszubekommen, aus welcher Gegend die Steine am ehesten gekommen sein könnte. Es werden wohl noch einige Wochen vergehen, bis wir mit dem Bau richtig beginnen können.

Ich kann nur hoffen, dass die Ley-Linien nicht auch noch eine Rolle spielen, denn dann brauche ich doch noch ein anderes Grundstück oder muss es irgendwie schaffen direkt in Babylon zu bauen, was im Prinzip unmöglich sein dürfte. Das werde ich aber diese Woche bestimmt herausbekommen, denn meine Reise in den Irak ist bereits geplant. Hilla, die nächste Stadt bei Babylon, soll derzeit relativ friedlich sein. Ich könnte zwar auch in Bagdad Quartier beziehen, aber das ist mir zu heikel. Begleiten werden mich einige Mitglieder unserer Familie. Unter anderem wird Markus dabei sein. Er ist quasi unser Erzmagier und ist in der Lage Ley-Linien aufzuspüren.

Mit steht nun also eine spannende Zeit bevor. Und vielleicht finde ich im Irak ja auch noch etwas über die Schattenwandler heraus. Die Magie des Orients hat ja ziemlich viel mit Dämonen zu tun.

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