In der Höhle der Wölfe

Die letzte Nacht war dann leider doch nicht so ruhig wie erhofft. Zwar traf ich die ältere Dame in der Bar und konnte meinen Hunger stillen, allerdings ging, kurz nachdem ich wieder in meinem Zimmer war, draußen ein ziemlicher Lärm los. Es klang, als würde ein Rudel Hunde aufeinander losgehen. Immer wieder waren auch Schüsse zu hören.

Ich sparte mir den langen Weg über die Treppe, warf stattdessen nur meinem Mantel über, griff meine Waffen und sprang vom Balkon. Der Lärm ließ genau so schnell nach, wie er begonnen hatte. Noch während ich in die entsprechende Richtung eilte, war kaum noch etwas zu hören.

Doch plötzlich huschte vor mir ein geduckt laufender Werwolf über den Weg. Ich heftete mich an seine Fersen und folgte ihm in Richtung des Waldes. Ich kann nicht erklären, warum ich nicht einfach auf ihn schoss. Mein Instinkt sagte mir, dass ich ihm besser folgen sollte. Und zumeist kann ich mich auf meinen Instinkt verlassen.

Obwohl er wesentlich schneller war als ich und sein Vorsprung immer größer wurde, hatte ich das Gefühl ihn so deutlich zu hören als sei er direkt vor mir. Ich war darüber ziemlich erstaunt, vermutete jedoch, dass dies wohl eine Nebenwirkung des Werwolfblutes war, das ich getrunken hatte. Bald sollte ich aber erfahren, dass es noch mehr solcher Nebenwirkungen gibt.

Ich folgte der Bestie bis zum Eingang eines Schachtes oder besser gesagt einer Röhre, die fast senkrecht in einen Hügel führte. Aus diesem Schacht hörte ich Geräusche als würden Krallen über Beton kratzen. Als ich vorsichtig hineinschaute, konnte ich erkennen, dass die Röhre künstlich war. Sie hatte einen Durchmesser von etwa 2 Metern und war aus einzelnen runden Stücken von Betonröhren konstruiert. Sie glich fast einem dieser alten Kanalisationsrohre aus den 60er Jahren. In ihr hatte sich im oberen Teil bereits jede Menge Moos angesiedelt. Vielleicht stammte sie tatsächlich aus dieser Zeit.

Ich haderte ziemlich mit mir, ob ich dem Werwolf folgen sollte, und entschied mich vorerst dagegen. Ohne Hilfsmittel in diesen Schacht zu klettern, dürfte eine halsbrecherische Aktion werden. Ich kehrte somit erst in’s Hotel zurück und packte ein paar Dinge in einen Rucksack. Außerdem tauschte ich meinen Mantel durch eine Tarnjacke aus, über die ich meine taktische Weste zog. In dieser habe ich immer allerlei Utensilien, die mir schon in so mancher Situation geholfen hatten. Außerdem verstaute ich darin nun noch ein paar Magazine für meine Waffen.

Als alles gepackt war verließ ich mein Zimmer wieder über den Balkon. Mit meiner umgehängten Ruger und bewaffnet bis an die Zähne wollte ich lieber nicht von Sterblichen gesehen werden. Sie hätten mich vermutlich für einen Terroristen gehalten.

Ich lief also durch die Nacht, es muss so gegen 4 Uhr gewesen sein, zurück zu dem Schacht und achtete dabei sehr genau auf meine Umgebung. Glücklicherweise begegneten mir aber keine weiteren Gestaltwandler und ich kam ohne Zwischenfälle an mein Ziel.

An einem Baum in der Nähe des Schachts befestigte ich ein Kletterseil und begann mit dem Abstieg in die Tiefe. Dabei hielt ich immer wieder inne und lauschte. Manchmal hatte ich auch das Gefühl von unten etwas zu hören, worauf ich dann immer kurz verweilte, bereit jederzeit wieder nach oben zu klettern. Da mir aber die Kletterkünste von Werwölfen bekannt sind, war ich mir durchaus bewusst, dass ich auf dem glatten Beton nur mit meinem Seil als Unterstützung kaum eine Chance hätte zu entkommen.

Und dann geschah es. Ich verlor den Halt und fiel. Im gleichen Moment spürte ich einen Schmerz durch meine Hände gehen, versuchte aber dennoch am Beton Halt zu finden. Und seltsamerweise gelang mir das auch sofort. Als ich dann meine Hände anschaute um zu sehen ob die Heilung der Verletzung, die den Schmerz verursachte, mich viel meiner Energie kosten würde, hätte ich vor Schreck fast wieder losgelassen. Ich schaute auf Werwolf-Pranken. Nun war mir klar, dass das Trinken von Werwolfblut wohl doch einiges mehr mit mir angerichtet hatte. Im Moment war ich darüber ganz froh. Aber was würde noch alles passieren? Würde ich mich irgendwann gänzlich in einem Werwolf verwandeln? Ist es wirklich möglich, dass ein Nachtwandler zu einem Werwolf werden kann?

Ich beschloss der Sache später auf den Grund zu gehen und mich vorerst auf meine aktuelle Aufgabe zu konzentrieren. Ablenkung konnte ich nun wirklich nicht gebrauchen. Insgesamt kletterte ich knapp 30 Meter nach unten, bevor ich einen felsigen Boden erreichte. Mit den Klauen war das erstaunlich leicht, denn die Krallen bohrten sich mühelos sogar in den Beton.

Ich stand nun in einer Art Stollen, der durch Felsen getrieben war. Hier unten war es stockdunkel, aber dank meiner Nachtwandler-Fähigkeiten konnte ich gut in der Dunkelheit sehen. Ich hatte sogar das Gefühl, dass das besser ging als früher. Eine weitere Wirkung des Werwolfblutes? Auch diese Überlegungen musste ich wohl erst einmal verschieben. So leise, wie es mir möglich war, schlich ich den Stollen entlang. Nach einigen Schritten spürte ich wieder diesen Schmerz in den Händen und meine Klauen verschwanden. Ich hatte meine Hände zurück. Man kann sich meine Erleichterung sicherlich gut vorstellen, denn es liess mich hoffen, dass die Wirkung des Werwolfblutes in meinen Adern nicht dauerhaft ist.

Als ich an eine Abzweigung kam, hörte ich aus einer Richtung scheinbar noch etwas entfernte Stimmen. Ich folgte diesen und sah nach einer weiteren Abzweigung auch einen sanften Lichtschimmer, der von einem Feuer oder Fackeln zu kommen schien. Aus dieser Richtung kamen auch die Stimmen. Nun robbte ich vorsichtig vorwärts, damit man meine Sil­hou­et­te im Stollen nicht erkennen konnte. Leider können Werwölfe in der Dunkelheit genau so gut sehen wie wir Nachtwandler. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass ihre Augen dann in der Dunkelheit rot leuchten, während unsere vollständig schwarz werden. Mir fuhr bei dem Gedanken daran der Schreck durch die Glieder, denn ich befürchtete, dass meine Augen nun auch leuchten könnten. Ich nahm also mein Handy als Spiegel, stellte aber erleichtert fest, dass meine Augen kein Leuchten aufwiesen. Das Display meines Handys zeigte in der Dunkelheit jedenfalls keine Reflexion.

Je weiter ich mich in dem Gang vorwärts bewegte, umso besser konnte ich die Stimmen verstehen. Schon bald konnte ich jedes Wort klar hören, hatte aber das Gefühl, dass sie noch ziemlich weit entfernt waren. Scheinbar war mein Gehör wirklich besser geworden.

Dort, am Ende des Ganges, unterhielt sich offenbar eine Frau mit zwei Männern. Leider konnte ich nichts verstehen, denn sie unterhielten sich auf Tschechisch. Die weibliche Stimme klang allerdings ziemlich aufgeregt und keifte die beiden anderen die ganze Zeit an, die nur leise und mit einem kriecherischen Ton antworteten.

Plötzlich vernahm ich Schritte, die sich von hinten mir näherten. Verdammt! Ich war unaufmerksam geworden. Nun befand ich mich in der Falle. Auf der einen Seite mindestens drei der Bestien, deren Gespräch ich vernommen hatte. Auf der anderen Seite derjenige, zu dem die Schritte gehörten. Ich zog meine SFP9 und entsicherte sie. Dann sprang ich auf und sprintete den Schritten entgegen. Wenn ich den Überraschungsmoment auf meiner Seite hätte, hatte ich vielleicht eine Chance. Als ich eine Sil­hou­et­te im Gang sah, schoss ich. Die Gestalt ging zu Boden, doch sofort danach hörte ich Schritte hinter mir. Als ich die zusammengesackte Gestalt erreichte, sprang ich über sie hinweg. Es war mir ziemlich egal, ob die Bestie tot oder nur verletzt war. Ich musste raus hier und zwar schnell. Im Laufen schoss ich immer wieder nach hinten in den Gang. Mindestens ein Mal musste ich wohl auch getroffen haben, denn ich hörte ein wütendes Jaulen.

Als ich die Stelle meines Abstiegs erreicht hatte, musste ich feststellen, dass mein Seil nicht mehr da war. Ich saß in der Falle… dachte ich zumindest. Wieder fuhr mir dieser Schmerz durch die Hände und ich liess meine Waffe fallen. Mit den Klauen, die ich nun wieder hatte, machte ich mich an den Aufstieg und war erstaunt darüber wie leicht das ging. Ich konnte förmlich in den Beton greifen und auf diese Weise die Röhre einfach hochlaufen. Leider waren meine Verfolger offenbar besser geübt mit ihren Klauen zu klettern und holten schnell auf. Als ich kurz vor dem Ausstieg dicht hinter mir ein Knurren hörte und mich umblickte, war eine dieser Bestien direkt unter mir. Hinter dem Biest konnte ich 2 weitere Gestalten ausmachen. Und die eine davon schien riesig zu sein. Das sah nicht gut für mich aus. Ich trat dem Vieh unter mir mit all meiner Kraft in’s Gesicht, woraufhin es ein bis zwei Meter abwärts rutschte und dadurch seinen Kameraden den Weg versperrte.

Gleich darauf war ich aus der Röhre raus und machte mich für den Kampf bereit. Dummerweise konnte ich mit diesen verflixten Klauen aber meine Ruger nicht benutzen. Mit den dicken Fingern konnte ich den Abzug nicht bedienen und die Waffe stabil zu halten schien mir auch unmöglich. Nur eine Sekunde nach mir, kam der erste Wolfskopf aus der Röhre. Auf seiner Stirn konnte ich die Wunde eines Streifschusses sehen. Reflexartig hieb ich mit einer Klaue direkt in sein Gesicht. Ich hörte das Knacken von Knochen und meine Klaue drang tief in seinen Schädel ein. Er sackte stumm nach hinten, ließ den Rand los und stürzte in die Tiefe. Ich konnte noch hören, wie sein Leib auf die beiden anderen traf und dann am Beton entlang schabte. Ein wütendes Knurren aus der Röhre drang zu mir. Auf die gleiche Weise verfuhr ich auch mit dem nächsten.

„Diese Dinger sind ja doch für was zu gebrauchen.“, dachte ich mir noch, als ein riesiges Exemplar von einem Werwolf wie ein Geschoss aus der Röhre sprang. Ich hatte keine Zeit mehr zu reagieren. Das Vieh stiess mich in seinem Sprung um und kaum hatte es Boden unter den Füßen, stürzte es sich auf mich. Es gelang mir aber, mich schnell zur Seite zu rollen, sonst hätte mich seine Pranke getroffen und mit Sicherheit meinen Brustkorb zerfetzt. Die Rolle nutzte ich um wieder auf die Beine zu kommen und stand nun der Bestie gegenüber.

Ich kenne ja nun einige Werwölfe. Doch ein Exemplar dieser Größe, es hatte mindestens 2,5 Meter, das so dürr war, hatte ich noch nie gesehen. Ausserdem sah es aus, als hätte diese Bestie weibliche Brüste, die allerdings von einem dichten Pelz bewachsen waren. War das die weibliche Stimme, die ich gehört hatte?

Wir umkreisten uns eine Weile lauernd und plötzlich spürte ich den Schmerz, der ankündigte, dass meine Klauen wieder zu normalen Händen wurden. Diesen kurzen Moment der Ablenkung nutzte die Wölfin aus und stürzte sich auf mich. Ich liess mich nach hinten fallen, rollte ab und griff meine Ruger. Das alles geschah in einer Bewegung. Als ich wieder stand, schoss ich, ohne mir die Mühe zu machen zu zielen. Dieses riesige Vieh konnte ich gar nicht verfehlen. Ich erwischte leider nur die Beine und den Bauch, was mit einem wütenden Heulen quittiert wurde. Doch die Wölfin wandte sich von mir ab und sprang mit einem Satz zurück in die Röhre. Ich hörte noch, wie ihre Klauen am Beton entlang kratzten und wie sie unten aufkam. Offenbar hatte sie sich nicht die Mühe gemacht zu klettern sondern ihren Sturz lediglich mit ihren Krallen abgebremst. Als ich ihr noch eine Salve in die Röhre hinterher schickte, war sie bereits verschwunden und ich hörte nur noch ihre eiligen Schritte aus der Tiefe.

Ich verweilte natürlich auch nicht weiter an diesem Ort. Wenn da unten ein ganzes Rudel lauerte und es vielleicht noch andere Ausgänge gab, wollte ich nicht mehr da sein, wenn sie mich suchten. So schnell ich konnte sprintete ich zurück zum Schlosspark und kletterte über den Balkon in mein Zimmer. Das Licht liess ich aus und legte mich noch für etwa eine Stunde hinter einem Fenster auf die Lauer. Vom Schlosspark hatten die Bestien aber offenbar genug für heute und so entspannte ich mich nach einer Weile wieder etwas.

Mittlerweile bin ich wieder zurück in Prag und sitze nun im Ambassador-Hotel. Das Risiko doch noch von den Werwölfen erwischt zu werden wollte ich dann doch nicht eingehen. Ich bin daher gegen Mittag wieder hierher zurückgekehrt. Ich denke nicht, dass ich in Hluboka noch viel finden kann. Vermutlich werde ich auch bald wieder nach Berlin zurückkehren. Die Informationen, die ich brauche, habe ich ja nun, auch wenn ich noch einige davon übersetzen muss.

Das Tagebuch von Jiri hat sich als ergiebiger erwiesen als gedacht. Seit einigen Stunden sitze ich nun wieder daran und habe es jetzt fast fertig übersetzt. Ich habe bereits zwischen den ganzen Texten einige Hinweise auf Händler gefunden, mit denen er Kontakt hatte. Ausserdem einen Hinweis auf eine Nachtwandler-Familie in Berlin, über die er wohl Kontakt zu Michael aufgenommen hatte. Es handelte sich dabei um die Familie von Creuzburg, die ihr Sterblichen vermutlich längst  für ausgestorben haltet. So zumindest kann man es auf euren Internetseiten nachlesen. Ich weiss allerdings, dass Hans von Creuzburg unter den Nachtwandlern einige Berühmtheit erlangte und bis heute immer wieder in Berlin zu tun hat. Dort betreibt er ein Logistik-Unternehmen, mit dem wir Kainskinder bei Bedarf bequem grosse Strecken zurücklegen können. Er besitzt einige Fahrzeuge, die speziell für unsere Bedürfnisse angepasst sind, so dass man in ihnen locker 1-2 Wochen leben kann. Ihn mal wiederzusehen würde bestimmt eine Freude werden. Ich mochte den alten Ritter. Noch heute hält er sich an einen längst vergessenen Ehrenkodex, der ihn zu einem angenehmen, wenn auch etwas schrulligen, Zeitgenossen macht. Ein Grund mehr wieder in meine Heimat zurückzukehren.

Erst einmal werde ich mir aber eine neue Waffe besorgen. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nur eine Maschinenpistole zur Verfügung habe. Die lässt sich so schlecht verbergen. Etwas Handlicheres ist mir daher lieber. Eine gute Gelegenheit nochmal bei Ondrej vorbeizuschauen und mich von ihm zu verabschieden.

Das wird aber bis zum Mittag warten müssen. Denn ich muss unbedingt noch herausbekommen, wie sich das Trinken von Werwolfblut auf uns Nachtwandler auswirkt. Für meine Recherchen habe ich mich in das Intranet meiner Familie eingewählt. Darin ist unsere komplette digitalisierte Bibliothek. Darunter auch einige Tagebücher meiner Vorfahren, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr unter uns weilen, sowie unsere Familien-Chronik. Vielleicht finde ich darin ja den ein oder anderen Hinweis.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s